Warum bist du eigentlich alleinerziehend?

image

Die Frage:“Warum bist du eigentlich alleinerziehend?“ liegt auf der Hitliste der am häufigsten gestellten Fragen an mich als Mutter ganz weit vorn.

Ich muss jeden enttäuschen, der voller Vorfreude auf eine dramatische Geschichte gedanklich nach dem Popcorn greift.

Bei mir gibt’s kein Drama. Wir sind eine normale, vollständige Familie. Wir sind nicht allein. Wir sind zu zweit und glücklich mit unserem Leben, so wie es ist.

 

Wer von unserem Familienmodell erfährt, fühlt sich dennoch berechtigt, mir entweder Tipps zu geben, die mir meine Kompetenzen als Mutter absprechen, oder grenzüberschreitende Fragen zu stellen.
Eine Unterhaltung mit unserem Hausmeister war dafür absolut beispielhaft. Während er in meiner Küche den Herd auswechselte, fragte er, warum denn bei uns „kein Mann im Hause“ sei.

„Is ja schon komisch! So ne Hübsche mit so nem kleinen Baby ganz allein.“. Überrascht antwortete ich vage, dass der Vater eben woanders wohnt.

 

Komisch finde ich da nämlich nichts dran. Schließlich ist es bei uns von Anfang an so und das Leben zu zweit Normalität. Er grinste anzüglich und sagte mehr feststellend, als fragend:“One night stand!?“.

Mehr Klischee geht nicht. Der Vater meiner Tochter könnte aus den verschiedensten Gründen nicht bei uns leben.

Leider spiegeln die Worte unseres plumpen Hausmeisters genau das wieder, was die meisten Menschen von mir denken.
Für sie gibt es genau zwei Möglichkeiten: die Single-Mutter ist entweder eine freizügige Schlampe, oder ein bemitleidenswertes Opfer. Welcher Gruppe ich zugeordnet werde, hängt ganz von der Sympathie für meine Person im allgemeinen und den individuellen Absichten meines Gegenübers ab. Beide Sichtweisen führen aber automatisch dazu, dass sie sich über mich erheben, sich als „etwas Besseres“ fühlen.

 

Inzwischen gibt es aber zahlreiche andere Gründe, warum ein Kind nicht mit Mutter und Vater zusammen lebt. Da ist das Familienmodell der inzwischen alltäglichen Patchworkfamilien, der eigentlich noch weiter verbreiteten Ein-Eltern-Familien, außerdem die Co-Elternschaften und/oder Familien mit  gleichgeschlechtlichen Eltern. So bunt und unterschiedlich diese Familienmodelle sind, haben sie alle eines gemeinsam; sie können ihren Kindern die gleiche Geborgenheit, Sicherheit und Liebe geben, wie es heterosexuelle, verheiratete Elternpaare tun können.
Ein Teil dieser Familienmodelle ergeben sich so, sind ungeplant. Es gibt aber auch viele Eltern, die sich ganz bewusst und teilweise von Anfang für ein  Familienmodell entscheiden, welches sich stark von den traditionellen Idealvorstellungen der Gesellschaft unterscheidet.
Ob geplant oder ungeplant; jede dieser Familien lebt einen ganz normalen Alltag, der sich wahrscheinlich kaum bis gar nicht von dem einer traditionellen Familie unterscheidet.

Also fragt mich doch lieber danach, wohin wir dieses Jahr in den Urlaub fahren, oder bei welchem Kinderarzt wir sind. Denn ich beschäftige mich mit den gleichen Themen wie alle anderen Eltern. Der einzige Unterschied ist, dass ich mich nicht mit einem anderen Elternteil abstimmen (oder streiten) muss.

Das finden wir gut, meine Tochter und ich.

 

Bis bald,

eure Rebecca

4 Kommentare

  1. Finde deinen Artikel wunderbar – mir geht es genauso. Nur ist meine Tochter fast 12 und fragt selber alle paar Jahre, wieso Ihr Vater nicht da ist.

    „antwortete ich vage, dass der Vater eben woanders wohnt.“ Das reicht leider nicht. Ich weiß nicht, ob ihr Kontakt zum Vater habt. Das kommt in deinem Artikel nicht heraus. Bei uns gibt es keinen Kontakt, weil er es so will – und das ist fürs Kind zeitweise schon sehr hart. Auch wenn wir eine wunderbare kleine zwei Kopf- und Herz -Familie sind. Dann kann ich nur trösten und versuchen zu erklären – das lindert aber das Gefühl von „etwas fehlt vielleicht“ nicht.

    • Kann ich verstehen. Aber woher kommt die Trauer des Kindes? Weil es in dieser Gesellschaft leider lernt, dass es angeblich unnormal sei, „nur“ mit einem Elternteil aufzuwachsen. Weil das Kind leider lernt, dass es angeblich wichtig ist, sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen (und unbedingt biologischen!) Elternteil regelmäßig im Leben zu haben. Wenn man sich einmal von diesen altmodischen Vorstellungen löst, ist es leichter, das eigene Modell als normal und vollwertig zu begreifen.

  2. Wunderbar! Danke dafür. Ich bin von dem Modell so überzeugt, dass ich das nun schon zum zweiten mal so mache. Ich wünschte, es gäbe mehr öffentliche Stimmen wie Deine. Alles Liebe!

  3. @britschmidt: Kinder fragen nicht nach dem Vater oder ggf. der Mutter, weil sie es gesellschaftlich lernen, sondern weil es einen inneren Drang in jedem Menschen gibt wissen zu wollen, woher er kommt. Warum sonst suchen selbst glückliche Adoptivkinder noch Jahrzehnte später ihre Eltern oder auch glücklich Ein-Eltern-Kinder nach dem anderen Part? Da geht es auch viel darum, sich selbst zu verstehen, sich Verhaltensweisen, Fähigkeiten etc. erklären zu können. Gesellschaftliche Konventionen mögen in der Bewertung der eigenen Situation gewiss eine Rolle spielen, aber der Wunsch nach Kennenlernen und Herkunftswissen hat damit wenig zu tun. Ich finde es eher grob fahrlässig Kindern das vorzuenthalten. Ich habe Beispiele im Freundes- und Familienkreis, wo nicht vorhandenes Herkunftswissen noch im fortgeschrittenen Alter Thema ist.
    Jedem steht es frei sich für ein Familienmodell zu entscheiden, das entbindet ihn meiner Ansicht aber nicht von der Pflicht dem Kind den anderen Elternpart zugänglich zu machen und das ggf. nicht nur auf Wunsch und explizite Nachfrage, sondern von vornherein.
    Der Schuss kann sonst übrigens auch sehr nach hinten los gehen. Ich kenne einen Fall, in dem die Tochter sich da sehr mit der Mutter entzweit hat und heute beim Vater lebt.

Kommentare sind deaktiviert.