Look, but please don’t touch

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Wie würdest du reagieren, wenn dir eine fremde Person ohne Vorwarnung von hinten kommend ins Gesicht fasst und dir dabei laut ins Ohr brüllt? Du würdest dich wehren, oder zumindest die Situation verlassen, oder?
Nun stelle dir vor, du bist dabei an Händen und Füßen gefesselt, kannst nicht weg laufen und bist diesem Menschen komplett ausgeliefert. Die einzigen Instrument, die dir bleiben, um dich zu wehren, sind deine Stimme und deine Mimik. Also verziehst du dein Gesicht und beschwerst dich lauthals. Leider bleibt dein Protest ungeachtet. Die Person macht einfach weiter. Dann rufst du um Hilfe. Und kein Mensch greift ein, um dir zu helfen.

Klingt nach einer Szene in einem schlechten Horrorfilm, ist aber eine ganz alltägliche Situation. Ja, wirklich! Das Ganze passiert ständig Babys und Kleinkindern. „Ach soooo! Die Babybegrabbler. Das ist doch normal“, denken jetzt die meisten. Ist es denn auch ok? Im Sinne des Kindes? Nein! Nur weil es normal ist, ist es nicht gleich richtig.

Das heißt nicht, dass ich mein Kind abschirme und jeglichen körperlichen Kontakt zu anderen unterbinde. Ganz im Gegenteil: ich beobachte sie genau und wenn ich in ihrem Gesicht lese „hey! Dich mag ich. Dich will ich kennenlernen!“, störe ich die Kommunikation zwischen ihr und ihrem Gegenüber nicht.

Wenn ich aber merke, dass sie gerade nicht angefasst, oder angesprochen werden möchte, das Gegenüber diese Grenze aber nicht respektiert, greife ich ein. Das passiert ziemlich oft. Wenn sie gerade kurz davor ist, unterwegs im Tragetuch einzuschlafen und eine ältere Dame ihre Mütze zurecht rücken will und laut ihre Verzückung über das Babygesicht äußert. Oder wenn sie auf dem Spielplatz ins Spiel vertieft von einer fremden, tadelnden Mutter die laufende Nase geputzt bekommt.

Unsere mehr oder weniger gute Erziehung gebietet uns Eltern in solchen Situationen Höflichkeit. Höflich ist, nichts zu sagen und es mit zusammen gebissenen Zähnen zu billigen. Man möchte ja auch nicht als „hysterische Übermutter“ dastehen.

Aber welche Botschaft kommt beim Kind an? Keine andere als:“Deine persönlichen Grenzen werden nicht respektiert.“, und was noch viel schlimmer ist:“Es ist ok, sich gegen den eigenen Willen (von Fremden) anfassen zu lassen“.
Werte, die im schlimmsten Fall gefährlich sein können. Wenn wir unsere Kinder in unangenehmen Situationen, aus denen sie sich nicht selbst befreien können, nicht verteidigen, ist das zudem ein starker Vertrauensmissbrauch und kann dauerhaft der Bindung zwischen Kind und Eltern schaden. Merkt das Kind wiederholt, dass seine Hilferufe  (die können akustisch und/oder nur mimisch sein) übergangen werden, wird es sich irgendwann nicht mehr an seine Eltern wenden, wenn es Hilfe braucht.

Ich möchte, dass meine Tochter von Anfang an lernt, dass ihre Grenzen akzeptiert und verteidigt werden. Bekommt sie das von Anfang an vorgelebt, wird sie sich später besser selbst verteidigen können.
Wenn ich mir das vergegenwärtige, fällt es mir umso leichter, freundlich, aber bestimmt zu sagen:“Bitte nicht!“ -aber nur, wenn sie es so will.

Und wen meine Worte nicht überzeugen, bei dem schaffen es vielleicht die viel weiseren von Jesper Juul:
„Wenn Sie in Erwägung ziehen, Ihrem Kind gegenüber irgendeine »Methode« anzuwenden, dann überlegen Sie zuerst, ob Sie etwas Entsprechendes mit Ihrem Partner tun würden. Lautet die Antwort ‚Nein‘, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine schlechte Idee – es sei denn, Sie würden zu jenen Erwachsenen gehören, die immer noch nicht einsehen wollen, dass es sich bei Kindern um richtige Menschen handelt.“
(Ebd. in Huffpost am 28.01.2016)

 

Kennt ihr sie auch, diese Babybegrabbler?Wie reagiert ihr in solchen Situationen?

Eure Rebecca