Leben mit Hochbegabung


Mein Sohn ist anders.

Mein Sohn ist hochbegabt.

Viele sagen jetzt sicherlich: Oh wie toll! Klasse, dann kann er ja alles.

Aber nein, ich finde es nicht unbedingt toll, ich finde es anstrengend, ich kann ihm wenig gerecht werden. Hochbegabung fordert massive Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Man muss erfinderisch spontan sein um das Kind zu fordern.

Auch er selbst leidet regelrecht darunter. Häufig klagt er darüber, dass er nicht aufhören kann zu denken. Abschalten ist für ihn ganz schwierig. Sein Kopf steht ständig unter Strom. Er kompensiert es, jetzt mit 11 Jahren, indem er Programme und Apps schreibt. Sein PC ist häufig sein Ausgleich. Oder sein Klavier, er entspannt richtig,  wenn er  eben im Radio gehörtes auf dem Klavier interpretiert.

Schon als kleines Kind war er oft auffällig, positiv wie negativ. Er sprach sehr früh (mit 2 konnte er bereits Dialoge grammatisch richtig führen), puzzelte mit 4 1000er Puzzle, sog alles auf was er an Wissen bekommen konnte. Schon immer konnte er Zusammenhänge komplex erfassen und logisch erklären. Warum-Fragen beantwortete er sich selbst, grübelte früh über mathematische Dinge, er rechnete bereits mit 4 im Zahlenraum bis 20… Die Liste könnte man ewig weiter führen.

Aber er fiel im sozialen Bereich auf. In Gruppen kann er schwer sozial agieren. Selbst setzt er seine Erwartungen an sich sehr hoch an und bricht Aktionen lieber ab, statt zu “Versagen” somit ist sein Selbstbewusstsein ziemlich geknickt. Um Aufmerksamkeit und Anerkennung der anderen zu erhalten bleibt ihm oft nur die Möglichkeit des Angebens und Geschichtenerfindung. Einfach er selbst sein und so gemocht zu werden wie er ist, ist so kaum noch möglich.

Als er 6 wurde, haben wir ihn psychologisch begutachten lassen und den Hamburger Wechslertest zur Feststellung der Intelligenz wurde durchgeführt. Die Psychologin war fast sprachlos als sie uns das Ergebnis mitteilte.

Das Ergebnis bestätigte unsere schon  lang gehegte Vermutung. Er ist hochbegabt und hochsensibel.

Hochbegabt ist er breitgefächert nicht so wie die meisten mit Teilbegabung.

Die Hochsensibilität zeichnet sich durch geringes Selbstbewusstsein und Selbstwert aus. Er bricht bei Misserfolgen regelrecht in sich zusammen und weint schnell und viel.

Gut damit können wir arbeiten, dachte ich zumindest.

Das Dilemma begann mit der Einschulung.

Das soziale Gefüge bereitete massiv Schwierigkeiten und die Lehrer forderten nicht ausreichend. Er verschloss sich immer mehr und wurde langsam zum Underachiever ( Minderleister-  Er war einfach unterfordert)

Er verweigerte sich vollständig im Unterricht.

Nach der dritten Klasse schulten wir ihn auf eine Integrationsschule um. Kleine Klassen und eine sehr engagierte und motivierte Lehrerin schaffte es in einem Jahr Freude an der Schule zu vermitteln. Seine Noten wurden besser und er hatte Spaß zu lernen und seine besondere Kompetenz zu nutzen.

Um ihn weiter zu unterstützen geht er regelmäßig zu Forschungsgruppen für Hochbegabte Kinder, besucht eine Sozialkompetenzgruppe “Abenteuer-Jungen-Gruppe” und er wird psychologisch betreut.

So langsam habe ich das Gefühl den Weg gefunden zu haben, der ihm gut tut.

 

Liebe Grüsse

eure Tina