Leben nach der Fehlgeburt – immer fehlt ein Teil

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2016-11-19_18-51-50

Vorwort der Redaktion

Zur Weihnachtszeit spricht man oft von Besinnlichkeit. Besinnen, oder in sich gehen, sich erinnern, bedeutet auch, manchmal mit unangenehmen Erinnerungen des Lebens konfrontiert zu werden. Wir danken Jani, für diesen tiefen, emotionalen Einblick in Ihr Leben mit und nach einer Fehlgeburt. Sie zeigt eindrucksvoll auf, wie sich viele Frauen fühlen, die ein ähnliches Schicksal teilen mussten. Sie zeigt aber auch, dass „weiter machen“ eben nicht verdrängen oder vergessen heißen muss und wie kostbar auch nur einzelne Minuten sein können.

Leben nach der Fehlgeburt – immer fehlt ein Teil

Wir stehen in der Küche und backen Plätzchen. Meine große Tochter und ich. Die Stimmung ist gut und entspannt. Wir singen Weihnachtslieder und naschen immer wieder vom Teig. Zwischendurch kommt mein Mann in die Küche. Er macht ein paar Fotos von uns, mit unseren mit Mehl verschmierten Gesichtern.

Das erste Blech ist schon im Ofen. Ich nehme mir ein Förmchen und steche einen Stern aus. Plötzlich trifft es mich wie ein Schlag in die Magengrube und mir schießen Tränen in die Augen. Hier stimmt etwas nicht. Ganz und gar nicht. Eigentlich dürften wir hier nicht zu zweit stehen. Zwischen uns müsste ein kleiner  Junge herum springen. Mit uns singen und seiner großen Schwester den Teig klauen.

Seiner Schwester, die ihn leider nie kennen lernen durfte. Die damals noch viel zu klein war, um zu verstehen, was passiert. Damals, vor dreieinhalb Jahren, als ich in der  20 Schwangerschaftswoche mit Wehen ins Krankenhaus kam und für uns die Welt zerbrach. Jannik kam 20 Wochen zu früh mit 24 cm und 340g zur Welt. Still! Nie werde ich diese Stunden vergessen, in denen mein Mann und ich ihn in unseren Armen halten durften.

So klein und so perfekt. Er sah so wunderschön aus. Willkommen heißen und Abschied nehmen. Gleichzeitig. Diese Stunden waren traurig. Aber vor allem waren sie magisch. In all der Trauer und den Tränen lag in dem Raum eine große Stille und etwas sehr friedvolles. Ich erinnere mich eigentlich gerne an diese kurze Zeit im Kreißsaal. Denn es ist die einzige Zeit, die ich mit meinem Sohn verbringen durfte. Nur 2 Stunden konnte ich ihn im Arm halten. Viel zu wenig Zeit. Stunden, die eigentlich Jahrzehnte sein sollten.

Die Tage und Wochen danach waren einfach nur dunkel. Dieser kurze Moment der Hoffnung, als wir ihn noch einmal in der Pathologie sehen durften. Und der absolut schlimmste Tag meines Lebens, die Beerdigung. Der kleine weiße Sarg, den es gar nicht geben sollte. Trauernde Familien. Selbst die Sargträger weinten. Traurigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht und ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Keine Mutter und kein Vater sollten ihr Kind beerdigen müssen.

Es war schwer, weiter zu machen. Unsere Welt war stehen geblieben an diesem Pfingstmontag. Die Welt aller anderen drehte sich weiter. Mein Baby war weg und alle anderen lebten so weiter wie bisher. Das war schwer zu akzeptieren. Aber ich stand jeden Morgen wieder auf, ging arbeiten und kümmerte mich um meine Familie. Woher ich diese Kraft nahm weiß ich nicht. Ich machte einfach weiter. Aufgeben war keine Option. Immerhin gab es da noch meine Tochter, die mich brauchte. Unsere kleine Familie hat dieser Verlust noch mehr zusammengeschweißt.

Aber er hat mich verändert. Der Tod meines Kindes. Seitdem liegt ein dunkler Schleier über meinem Leben. Er ist in den letzten drei Jahren ein wenig heller geworden, aber ich glaube nicht, dass er jemals verschwindet. Manche Tage sind leichter, andere unendlich schwer. Und es gibt diese Tage, wie heute, wo aus einem ganz normalen Augenblick plötzlich ein Moment der Trauer und der Erinnerung wird. In dem ich mir vorstelle, wie es wär, ihn bei uns zu haben und mit seinen Schwestern aufwachsen zu sehen.

Und das Bewusstsein, dass immer im Leben nach der Fehlgeburt, ein Teil fehlen wird.

In unserer Familie. In meinem Leben – und in mir.

Eure Jani

1 Kommentar

  1. Unglaublich bewegende Worte. Vielen Dank dafür.
    Und noch während ich deine Worte lese, küsse ich mit Tränen in den Augen mein Tochter und bin unendlich dankbar, dass ich ihre Mama sein darf…

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