Das Monster auf dem Schrank

Graue Wolken lagen über der Industriestadt, nur ein einzelner Lichtstrahl fiel durch das kleine Fenster über der Toilette des schmalen Badezimmers. Der kleine Nick beobachtete wie winzige Staubteilchen im Schein des Lichtes glitzerten. Er wohnte mit seinen Eltern schon sein ganzes Leben in dieser Wohnung. Sie war ebenso dunkel und trist wie die von Industrie geprägte Landschaft und Architektur. Der Heizkessel in dem dunkel-grün gefliestem Badezimmer, machte ihm immer Angst. Er bollere, knistere und es war durch ein kleines Loch immer ein unheimliches Leuchten der Flamme zu sehen. „Knack“ – erschrocken sprang er von der Toilette.

Nick mochte den hellsten Raum der Wohnung sehr, das Wohnzimmer. Die typische weisse, quadratisch abgesteppte Ledercouch war zwar sehr kalt, aber er mochte es die blaue fröhliche Tapete anzuschauen. Auf Ihr zierten kleine, durch m´s angedeutete, Möwen in verschiedenen Größen. Die einen als Schwarm, die anderen einzeln. Wohin sie wohl fliegen würden? Er wüsste genau wohin er fliegen würde. An einen Ort an dem er viel Zeit mit seinen Eltern verbringen konnte. „und nun das Wetter für Morgen, Dienstag den 04.10.1983“ schallte es aus den Boxen des alten schwarz-weiss Fernsehers. „Es ist Zeit ins Bett zu gehen“ sagte seine Mutter.

Aber Nick wollte nicht ins Bett, er hatte Angst. Der Traum letzte Nacht beschäftigte Ihn den ganzen Tag. Er wachte im Traum auf, sah ins leere dunkle Schlafzimmer. Das rote Licht des Radioweckers auf dem Nachttisch seiner Eltern war die einzige diffuse Lichtquelle. „Fusch“ ein Schatten  hüpfte an Ihm vorbei. Verängstigt zog er ganz langsam die Decke immer ein Stückchen weiter nach oben. Er traute sich kaum aus seinem Gitterbett ins das dunkle Schlafzimmer zu blicken. „Schischh“ Wieder huschte der Schatten an Ihm vorbei. Was war das nur?

Das Schlafzimmer seiner Eltern war klein und eher praktisch eingerichtet. Nicks Bett stand mit dem Kopf an der linken Wand, daneben das Bett seiner Eltern. Der Kleiderschrank, für Ihn ein Monstrum, prangerte an der rechten Seite. Auf dem Kleiderschrank waren Boxen zum Einlagern der Sommerkleidung, die gerade nicht benötigt wurde.

„Krrr“ ein Kratzen war zu hören und es schien vom Schrank zu kommen. Es war aber zu dunkel um genau zu erkennen woher es genau kam. Nick versuchte es und konzentrierte sich mit gebanntem Blick auf den dunklen Raum. Plötzlich begannen sich aus den Schatten ein Bild zu ergeben. Hoch oben auf dem Schrank, saß eine hagere grün-braune Gestalt mit knochigen Beinen und Armen. Es hatte spitze Ohren und blickte still vom Schrank auf Nick herab. Da! Es prang herab, ein paar mal durchs Zimmer und saß plötzlich erneut, wie eine Katze hockend, in der Lücke zwischen den Boxen.

Hier endet Nicks Erinnerung. Diesen Traum hatte er nun schon ein paar mal, immer wieder das gleiche Monster. Er fürchtete sich davor nochmal davon zu träumen. Wird das Monster auf dem Schrank wieder kommen?

Es kam nie wieder, aber Nick hat immer noch die Erinnerung an das Monster auf dem Schrank. Wenn seine Kinder heute einmal Angst haben, weiss er, dass er Ihre Ängste ernst nehmen muss. Er erinnert sich dann an diese Nächte aus seiner Kindheit. Heute weiss er, dass in diesem Alter viel in den Köpfen von Kindern passiert. Er hat Verständnis dafür wenn sie mitten in der Nacht aufwachen und schreien. Die Welt ist ihnen noch fremd und teilweise unerklärlich. Das Gehirn arbeitet mit Hochdruck um alle Informationen in ein sinnvolles Bild zu bekommen. Das Langzeitgedächtnis, welches wichtig für das Lernen ist, wird erweitert. Als Kind konnte er das noch nicht wissen, als Kind hatte er Angst in der Dunkelheit. Kleidungsstücke wurden plötzlich zu Personen, Topfpflanzen zu Monstern. Es gab vieles wovor er sich damals fürchtete.

Den Kleiderschrank schließt Nick auch heute noch immer bevor er zu Bett geht – nur um sicher zu gehen.