Tragearten – Übersicht zu Tragetuch und Tragehilfe

Es gibt zwei Dinge mit denen man ein Kind nach Herzens Lust „verwöhnen“ kann: Stillen und Tragen. Jedes für sich schafft bereits ein vertrautes Band zwischen Mutter und Kind. Aber die Kombination ist unschlagbar! Das Tragen gibt auch Vätern die Möglichkeit ihrem Sprössling Nähe, Wärme, Geborgenheit, Aufmerksamkeit, Trost und Liebe zu spenden. Im Grunde reicht ein simples, stabiles Tuch aus. Aber die Auswahl und Unterschiede der einzelnen Tragesysteme ist schier endlos. Gerade als Trageneuling kann einem die geballte Welt der Tragearten erst einmal verschlingen. Ich möchte hier versuchen dieses Tragearten-Knäuel zu entwirren.

Aber zu erst das Allerwichtigste:
Schön, dass du dein Kind Tragen möchtest!

Beginnen werde ich mit dem einfachsten Trageutensil: das Tragetuch.

Es gibt elastische und feste Tragetücher. Meist wird empfohlen Neugeborene nur in elastischen Tragetüchern zu tragen. Das ist jedoch nicht ganz korrekt. Der Vorteil von elastischen Tüchern ist eben deren Elastizität. Viele Eltern haben gerade am Anfang Angst, dass sie ihr Baby viel zu fest an sich binden. Diese Angst kann ihnen ein solches Tuch nehmen. Allerdings ist es auch möglich ein Neugeborenes in einem festen Tuch zu tragen. Wichtig ist dabei nur die Tragetechnik- also die Art und Weise wie man das Kind einbindet.

Beim Tragen muss man 2 Dinge beachten:

  1. die natürliche Krümmung der Wirbelsäule

  2. die Anhock-Spreiz-Stellung der Beinchen

Im Laufe der ersten Lebensmonate streckt sich das Neugeborene allmählich in die Länge. Die anfängliche, eingerollte Haltung lässt von Woche zu Woche nach, die Wirbelsäule „entfaltet“ sich langsam. Dies kann man gut erkennen, wenn man sich die ersten Schnappschüsse von seinem Baby kurz nach der Geburt anschaut. Das Neugeborene hat nahezu die selbe Körperhaltung wie noch im Mutterleib. Klein und kompakt. Und bereits ein paar Wochen später liegt es bäuchlings und langgestreckt auf der Spieldecke. Diese natürliche Krümmung unterstützt man durch das sog. Beuteln mit der Tragehilfe oder dem -tuch. Gleichzeitig gehen die Beinchen in die Anhock-Spreiz-Stellung, oder auch Froschstellung. Die Knie werden leicht nach oben angezogen, wodurch sie ein M bilden. Der Popo ist sozusagen die Mitte des Buchstabens.

Das klingt zunächst komplizierter als es tatsächlich ist. Denn beides ergibt sich fast automatisch beim Einbinden. Wir haben mit einem elastischen Tragetuch angefangen. Zum einen, weil es ab Geburt geeignet ist und zum anderen nahm es mir und meinem Mann die bereits erwähnte Angst, wir könnten unser Baby irgendwie abschnüren. Die meisten Hersteller garantieren sicheren Halt und maximalen Komfort bis zu einem Gewicht von 9 Kg Kind. Einige wenige sogar bis zu 15 Kg. Es gibt jedoch Trageeltern, die merken bereits bei viel weniger als 9 Kg Gewicht, dass das Tragetuch am Ende seiner Kapazitäten angelangt ist. Dies hängt zum einen von der Verarbeitung des Tuchs ab und zum anderen vom eigenen Wohlbefinden beim Tragen.

Auch bei den festen Tragetüchern gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Herstellern. Zudem unterscheiden sie sich in Material (Baumwolle, Seide, Wolle, etc.), Webart und Dicke.

Je nach dem auf welche Art und Weise man sein Kind tragen möchte, benötigt man ein Tuch in entsprechender Länge. Es gibt eine Vielzahl von Tragevarianten, die man u. a. auf den Internetseiten der Hersteller finden kann. Aber auch YouTube, eine persönliche Trageberatung und der Austausch mit anderen Trageeltern bieten eine gute Möglichkeit sein Repertoire zu erweitern.

Wem das Einbinden mit einem Tuch zu kompliziert oder zeitaufwendig erscheint, der kann seinen Nachwuchs mit einer Tragehilfe tragen. Man unterscheidet u. a.:

  • Mei Tai
    Ein rechteckiges Rückenteil, oft aus festem Stoff genäht. Die meist gepolsterten Schulter- und Hüftgurte werden gebunden.

  • Halfbuckle (deutsch: Halbschnalle)
    Ebenfalls ein rechteckiges Rückenteil aus festem Stoff. Die Schulterträger werden gebunden, jedoch wird der Hüftgurt über Schnallen oder Klett verschlossen.

  • Fullbuckle (deutsch: Vollschnalle)
    Die Tragehilfe wird komplett über Schnallen (oder Klett) verschlossen. Einige Trageberater empfehlen diese Variante erst am Sitzalter (d.h. das Kind sollte weitestgehend selbstständig Sitzen können). Es gibt Hersteller, die einen sog. Newborn-Einsatz anbieten. Andere wiederum haben Modelle von 0-18, 2-36 oder 8-48 Monaten, so dass man eine gute Auswahl hat und man jederzeit starten kann.

  • viele verschiedene andere Tragesysteme wie Beispielsweise die Hmong auf dem Bild oben, welche schon seit Jahrhunderten in dieser Form benutzt werden.

Unabhängig davon welche Tragehilfe man für sich auswählt, sollte man auf die oben beschriebene Haltung des Kindes achten. Es wird oft empfohlen, das Kind in „Kopfkusshöhe“ zu tragen. Das bedeutet, dass man sein Kind so hoch oder tief trägt, dass man es bequem auf den Kopf küssen kann. Man wird aber im Laufe der Zeit schnell merken, dass es darauf nicht immer ankommt. Die Höhe hängt auch davon ab, wer trägt. Beispielsweise habe ich eine große Oberweite. Bei mir saß und sitzt mein Kind immer anders als bei meinem Mann oder bei Frauen mit kleinerer Oberweite. Auch spielt die Tragedauer eine Rolle. Es macht durchaus einen Unterschied, ob ich mein Kind 2 Stunden lang beim Spazierengehen trage oder nur wenige Minuten, weil ich es z.B. nur in den Schlaf wiegen möchte. Das Wichtigste ist und bleibt, dass man trägt. Sowohl Mama als auch Papa. Und wenn das Kind irgendwann zu schwer wird um es vor der Brust tragen zu können, dann bindet man es sich eben auf den Rücken. Dies geht mit allen Tragesystemen.

Im Folgenden möchte ich noch kurz erläutern, warum ich bzw. wir Tragen:
Unsere Tochter liebte, wie jedes Neugeborene, vollen Körperkontakt. In der ersten Zeit schlief sie nur auf mir oder meinem Mann ein. In ihrer 3. Lebenswoche haben wir sie dann das erste Mal in ein elastisches Tuch gebunden. Nach wenigen Augenblicken schlief sie tief und fest. Und dies ist auch nach 8 Monaten immer noch der Fall. Mittlerweile schaut sie sich neugierig die Umgebung an. Und wenn sie müde wird vom Schaukeln und Wippen, legt sie ihren Kopf nach vorn ab und schlummert nah an meinem Herzen. Zudem hat das Tragen uns- oder viel mehr unserer Tochter bei den anfänglichen Bauchschmerzen geholfen. Die Wärme und die Bewegungen massierten stetig ihr aufgeblähtes Bäuchlein. Sie schlief viel ruhiger und auch Verstopfungen waren kein Thema für uns. Außerdem ist Tragen das natürliche Fortbewegungsmittel für Babys. Denn Menschenkinder sind von Natur aus Traglinge. Tief in uns verwurzelt wie der Greifreflex, fühlen sich Babys in dieser Position am wohlsten. Ganz nah an Mama oder Papa geschmiegt.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass eigentlich jedes Kind gerne getragen werden möchte. Immer wieder lese ich von Eltern, die sagen, ihr Kind wolle nicht getragen werden. Das ist aber eigentlich nur selten der Fall, viel öfter hat es andere Gründe. Es ist durchaus möglich, dass sie ihre Kinder einfach nur zu einem ungünstigen Zeitpunkt in die Tragehilfe oder das Tuch packen wollen. Bspw. wenn dass Kind bereits schläft und man es extra weckt zum Tragen. Da wäre ich allerdings auch knatschig.

Ich habe mal gelesen, dass viele Kinder nicht in die Trage wollen, weil sie eigentlich mal müssen. Wer sich mit dem Thema „windelfrei“ beschäftigt, weiß, dass ein Baby von Natur aus nicht in seine Schlafstätte (bzw. comfort zone) pinkelt und das ist ja auch logisch. Es will ja selbst auch nicht nass werden oder stundenlang darin einweichen. Wenn also ein Kind nicht in die Trage will, einfach mal in die Windel schauen und ggf. Abhalten. Ein wenig Verständnis sollte man auch mitbringen. Denn Kinder, die gerade das Laufen für sich entdecken wollen meist auch eine Zeit lang nicht getragen werden. Warum auch? Die ganze Welt liegt ihnen nun zu Füßen…

Wie tragt ihr euer Kind am liebsten- Tuch oder Tragehilfe? Wann habt ihr mit dem Tragen angefangen?

Eure Anke