Ist Tragen wirklich eine Alternative?

Fragemama, Tragtuch, Tragen ist liebe

Bevor unser Sohn zur Welt kam, haben wir uns so gut wie keine Gedanken darum gemacht, wie genau wir unser Kind denn groß ziehen wollen. Das Bild des Familienlebens, wie wir es im Kopf hatten, wurde im Laufe der Jahre von der Werbung und dem allgemeinen Konsens gezeichnet. Da es in unserer Verwandtschaft sonst noch keine weiteren Kinder gibt, wurde diese Vorstellung von uns auch nie auf den Prüfstand gestellt. Während der Schwangerschaft haben wir uns dann übers Internet schlau gemacht, wie sich denn die Erstausstattung für ein Baby zusammenzusetzen hat. Ein ziemlich einfacher und bequemer Weg, denn die nächste Liste ist nur drei Klicks entfernt. Brav haben wir dann alles besorgt, was darauf stand. Ein Kinderwagen gehörte selbstverständlich auch dazu. Da unser Budget begrenzt war, entschieden wir uns dazu, einen gebrauchten Kinderwagen zu kaufen. Nach einer Weile des Suchens konnte ich dann stolz ein gebrauchtes Markenmodell unser Eigen nennen. Ich hatte mich für einen Kombikinderwagen entschieden: klein, wendig, leicht in der Handhabung. Alles, was das frischgebackene mütterliche Herz begehrt – dachte ich zumindest.

Dann kam der langersehnte Tag, unser Sohn kam zur Welt. Nach einiger Zeit des Kennenlernens wollte ich dann voller Stolz mit meiner Mutter und meiner Schwester zusammen das erste Mal mit dem Baby an die frische Luft. Da es um die Weihnachtszeit war, entschieden wir uns dafür, eine kleine Runde über den Weihnachtsmarkt zu drehen. Die Fahrt dorthin war vielversprechend, der kleine Mann schlief tief und fest. Davon ausgehend, dass der Nachmittag weiterhin so verlaufen würde, packte ich ihn in den Kinderwagen. Wir waren noch keine 5 Minuten gelaufen, da nahm das Drama seinen Lauf. Mein Kind schrie wie am Spieß, alle Versuche ihn zu beruhigen scheiterten kläglich. Voller Verzweiflung nahm ich mein Kind aus dem Kinderwagen und kuschelte ihn unter meine Jacke. Sofort wurde aus meinem brüllenden Kind ein Zufriedenes. Alle künftigen Versuche, mein Kind im Kinderwagen zu befördern, endeten auf dieselbe Weise. Kaum lag das Kind darin, brüllte es ununterbrochen. Ein Zustand, den es mir unmöglich machte, auch nur fünf Meter mit dem Kinderwagen vorwärts zu kommen. Da mein Sohn sich nun ganz offensichtlich gegen den Kinderwagen entschieden hatte, musste eine Alternative her.  Wir informierten uns erneut im Internet und schnell die Frage auf: Ist Tragen wirklich eine Alternative?  Einen Versuch war es wert. Wir entschieden uns also für ein Tragetuch, später kam noch eine Fullbuckle-Trage hinzu (eine Tragehilfe, die nicht gebunden, sondern nur mit Schnallen befestigt wird). Was soll ich sagen? Wir lieben sie! Unser Sohn hat nie wieder auf einem Spaziergang geschrien. Stattdessen schaute er sich interessiert die Welt an. Ein weiterer positiver Nebeneffekt war, dass mein Sohn in der Trage immer deutlich wärmer war als im Kinderwagen. Mamas Brust gibt nämlich nicht nur Milch, sie wärmt beim Tragen auch noch prima.

Unser Sohn ist mittlerweile über ein Jahr alt und wir tragen immer noch voller Begeisterung. Wir werden häufig auf unsere Trage angesprochen. Junge Mütter beäugen uns häufig ein bisschen skeptisch. Andere, vor allem Personen jenseits der Familienplanung, reagieren sehr positiv darauf. Gemeinsam haben beide Gruppen, dass sie Tragen als „alternativ“ empfinden. „Oh wie schön! Schade dass es das in unserer Zeit noch nicht gab!“

Aber stimmt das? Ist Tragen wirklich eine Alternative? Gab es das tatsächlich früher noch nicht? Dieser Frage bin ich nachgegangen. Angefangen habe ich dabei bei meinen Eltern. Die hatten zwar wohl einen Kinderwagen für mich und meine Geschwister, haben uns aber alle bis ins Kleinkindalter meist getragen. Alte Kinderfotos beweisen: Tragehilfen gab es bereits in meiner Kindheit. Auf Nachfragen erklärte mir meine Mutter: „Wir waren viel unterwegs Wandern, ein Kinderwagen wäre deshalb meist völlig unpraktisch gewesen.“ Ich bin darauf hin noch ein Stück weiter zurückgegangen. Glücklicherweise habe ich eine noch lebende Großtante im Alter von 89 Jahren, die sich noch gut an die damalige Zeit erinnern kann. Die Familie meiner Großtante war sehr wohlhaben. Trotzdem hätte man damals auf dem Land eigentlich gar keine Kinderwägen gehabt. Kinderwägen seien nur von der reichen Gesellschaft in der Stadt verwendet worden. Auf dem Land hätte man sein Kind entweder in sein Bettchen gelegt oder es in einem Tuch getragen. Zum Tragen sei dabei alles verwendet worden, was lang genug war, um sich binden zu lassen. Der Geldbeutel machte damals den Unterschied zwischen den verwendeten Stoffen.

Dass man damals standardmäßig keine Kinderwägen hatte, ist eigentlich logisch. Die Anzahl an gut befahrbaren Straßen war gering, die Handhabung und der Komfort der Wägen auch. Aufblasbare Reifen, gefederter Rahmen und bewegliche Räder waren damals noch nicht erfunden. Ganz zu schweigen, dass sich der normale Bürger schlicht weg gar keinen Kinderwagen leisten konnte. Kinderwägen waren ein Statussymbol. In großen Städten fuhren damit Kindermädchen die Kinder wohlhabender Leute spazieren. Fragt man das Internet zu dem Thema, wurden vor der Einführung des Kinderwagens die Kinder in Tüchern, Körben oder Holzsäcken getragen und/oder ab Sitzalter in Lastkarren gesetzt.

Die Tradition des Tragens ist lang und dominiert weltweit gesehen auch heute noch die Art der Kinderbeförderung. Auch heute werden in ganz Afrika die Kinder fast ausschließlich getragen. Auch in den asiatischen Ländern sind die tragenden Mütter in der Überzahl. Das Tragen ist also keineswegs die Alternative. Wenn ich sehe wie glücklich sich mein Kind heute noch an mich klammert, wenn ich es trage, ärgere ich mich, mir nicht vorher mehr Gedanken darüber gemacht zu haben. Ich habe viel Geld für eine Alternative ausgegeben, die ich gar nicht genutzt habe. Sicher kann ein Kinderwagen manchmal eine praktische Sache sein und der technische Fortschritt hat uns viele Dinge gebracht, die unser Leben erleichtern. Wir sollten aber immer daran denken, dass unsere Babys mit ihrer genetisch vorgegebenen Überlebensstrategie, die sich Jahrtausende als die Beste erwiesen hat, noch nicht in der Moderne angekommen sind.

War Tragen für euch eine Alternative oder eher das natürlichste der Welt? Habt ihr euch gleich für Tragen entschieden oder hattet ihr auch einen Kinderwagenverweigerer?

Liebe Grüße,

Esther