Wieviele schlechte Erfahrungen braucht ein Kind?

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Welche Mama kennt ihn nicht: Den Moment, in dem die Zeit einfriert und sie in Zeitlupe zuschauen kann, wie ihr Kind irgendwo runterpoltert. Der Schmerz, den das eigene Kind gerade fühlt, spürt die Mutter mindestens genauso sehr in ihrem Herzen. Dass ihren Kindern etwas zustößt, ist in der Tat das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Das elterliche Bestreben, ihre kleinen Schätze vor allem Unheil zu bewahren, ist deshalb nur allzu verständlich. Doch wieviel Schutz tut unseren Kindern eigentlich gut? Gibt es ein „Zuviel“ an elterlicher Fürsorge? Wieviel schlechte Erfahrungen braucht ein Kind um gut aufs Leben vorbereitet zu sein?
Als waschechtes Landei habe ich als Kind viele schöne und manchmal auch weniger schöne Erfahrungen gemacht. Der nächste Bauernhof war etwa 200 Meter entfernt, der Nachbar hatte Hühner und die Hauskatze war obligatorisch (schließlich wollte man ja keine Mäuse im Keller). Ich konnte feststellen, dass auch Kühe keineswegs dumme Tiere sind, sondern intelligente, nette Lebewesen sein können, denen man aufgrund ihrer schieren Masse und ihrer Hörner aber lieber Platz macht. Wie es sich anfühlt, ein Kälbchen an seiner Hand saugen zu lassen und dass diese Erfahrung ab einem gewissen Alter des Tieres (auch Kälbchen bekommen irgendwann Zähne) ganz schön unangenehm werden kann. Ich habe eingesehen, dass man sich einer Ziege oder Katze gegenüber besser nicht unangemessen verhalten sollte und auch ein Hofhund nur ein begrenztes Maß an Geduld aufbringt. Zu meinem Sammelsurium an `Trial and Error` gehört auch die Erfahrung, wie schmerzhaft ein Bienenstich in die Fingerkuppe ist und dass das arme Tier anschließend sterben muss, wenn ich es zu einem Stich provoziert habe. Kam ich mit Kratzer nach Hause, sind meine Eltern nicht gleich hysterisch beim Besitzer des jeweiligen Tieres sturmgelaufen. Stattdessen wurde nachgefragt, wie das denn zustande kommen konnte. Mit dem Ergebnis: „Da brauchst du dich nicht zu beschweren! Ich habe dir gesagt, du sollst das Tier in Ruhe lassen. Sei froh, dass es nicht schlimmer aussieht.“ Und dann wurde ich verarztet.
Ich habe gelernt wie man auf Bäume klettert und dass Äste brechen können, wenn man unvorsichtig auf ihnen herumturnt. Aber man lernt ja aus Fehlern. Nach dem ersten Plumps auf den Hosenboden war ich vorsichtiger und ich habe mir auch recht bald gemerkt, dass ein Bad im herbstlichen Bach sehr unangenehm ist, vor allem wenn man danach mit nassen Kleidern nach Hause laufen muss. An dieser Stelle möchte ich meinen Eltern meine Anerkennung für die Ruhe aussprechen, die sie bewahrt haben, als ich Dummheiten auf Bäumen gemacht habe. Ich habe meinen Vater mal gefragt, wie er so gelassen bleiben konnte, wenn ich auf dem Ahorn vor unserem Haus herum geklettert bin. „Von wegen gelassen. Ich bin tausend Tode gestorben. Aber wenn ich geschrieben hätte, hätte ich nur dazu beigetragen, dass etwas passiert“.  Und weil er wusste, dass er uns nicht mit 100 prozentiger Sicherheit von Gewässern aller Art fernhalten kann, hat er uns schon sehr früh das Schwimmen beigebracht.
Zusammengefasst kann ich sagen: ich habe als Kind gelernt, über die Konsequenzen meines Handeln nachzudenken, bevor ich etwas tue. Zugegeben, bei der einen oder anderen Erfahrung schlage ich rückblickend die Hände über dem Kopf zusammen. „Mensch, da hast du aber Glück gehabt!“ Dass muss ich echt über die ein oder andere Situation sagen. Ich hab manchmal schon echt dumme Dinge gemacht. Mein Mann übrigens auch. Da wäre zum Beispiel der Tag zu erwähnen, an dem mein Mann als Kind auf einer steilen Landstraße bergab einen Mähdrescher mit dem Fahrrad überholt hat. Selbstverständlich ohne Helm. Seine Eltern, die unbemerkt hinter ihm gefahren sind, müssen in diesem Moment durch die Hölle gegangen sein oder, dass ich als Kind bei Wind und Wetter morsche Bäume in schwindelerregende Höhen erklommen habe. Nicht die beste Idee meines Lebens. Immerhin kann ich jetzt erahnen, wie sich ein Matrose in Seenot fühlen muss. Das sind dann Dinge die wir unserem Sohn besser nicht erzählen. Man muss ja nicht noch mit seinen eigenen Dummheiten prahlen und das Kind so ermutigen. Aber ich denke ein gewisses Maß an Erfahrungen, die ein Kind machen muss, ist wichtig fürs Leben. Denn wir können unsere Kinder nicht vor dem Leben beschützen. Wir können sie nur gut darauf vorbereiten. Dazu gehört auch, dass sie Gefahren kennen lernen.
Wir haben für unseren Sohn beschlossen, dass er unangenehme Erfahrungen im Kleinen kennen lernen darf, bevor er sie im Großen kennen lernen muss. Um zu erfahren, dass man sich an heißen Sachen verbrennen kann, muss man nicht erst auf die glühende Herdplatte oder in das Frittierfett langen. Ein paar heiße Kartoffeln, die zwar unangenehm aber ohne Verletzungsrisiko waren, haben unseren Sohn beispielsweise davon kuriert, einfach ohne Vorsicht auf Teller zu greifen. Ist etwas warm, geht er nun sehr vorsichtig damit um.  Mir ist es lieber, er lernt frühzeitig, dass man bei allem eine gewisse Sorgfalt walten lassen muss. Ich möchte, dass er lernt, dass manche Taten Konsequenzen haben können und die unter Umständen ganz schön schmerzhaft sind. Lieber lernt er es an einem Bienenstich, als durch das Bewerfen eines Wespennestes.
Einen weiteren wichtigen Aspekt finde ich, dass wir unserem Sohn nicht beibringen möchten, Neuem oder potentiell Gefährlichem mit Angst zu begegnen. Denn Angst lähmt und ist ein schlechter Wegweiser. Wenn ich als Elternteil in ständiger Angst lebe, dass meinem Kind etwas passieren könnte, gebe ich diese Angst auch irgendwann an mein Kind weiter. Ich möchte dass mein Kind Respekt lernt, aber nicht, dass es beginnt vor allem Angst zu haben. Denn damit nehme ich ihm auch die Freude am Entdecken. Und ist es nicht das, was die Kindheit ausmacht? Die Neugier, der Entdeckergeist? Wieviel gibt es denn noch zu entdecken, wenn das Kind nur noch unter Aufsicht auf englischem Rasen spielen darf? Ich gebe zu, es erfordert ein ganz schönes Maß an Selbstbeherrschung wenn ich sehe, wie mein Sohn rennt und weiß, dass er sich gleich eine Beule zuziehen wird, wenn er jetzt nicht bremst. Aber ich versuche mich bei den kleinen Blessuren zurückzuhalten, damit meinem Kind das große Unheil hoffentlich erspart bleibt.
Wie seht ihr das? Lasst ihr euer Kind auch mal eine schlechte Erfahrung machen, oder findet ihr es wichtiger, im das alles zu ersparen? Welche Erfahrungen habt ihr bisher gemacht? Ich freue mich auf eure Kommentare!
Eure Esther