Auf den Mutterinstinkt vertrauen

 

Auf den Mutterinstinkt vertrauen. Sollte hinter diesem Satz nun ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen stehen? Immer häufiger lese ich von der zunehmenden Verunsicherung von Müttern. Sie versuchen sich Rat zu holen in den verschiedensten Foren oder Gruppen. Für diese Mütter steht ganz klar die Frage im Raum „Auf den Mutterinstinkt vertrauen?“. Genau vor dieser Frage stand ich vor knapp einem Jahr auch.

Ich habe eine App auf meinem Handy, die meine ganzen Bilder und Aktivitäten in sozialen Netzwerken durchstöbert. Heute habe ich eine Bild gezeigt bekommen, welches mich doch sehr nachdenklich gemacht hat. Heute vor einem Jahr begann die Eingewöhnungsphase bei unserer 1. Tagesmutter. Es war eine sehr prägende Erfahrung. Sie hat mich sehr vieles überdenken lassen. Allerdings hat sie mir auch gezeigt, dass ich auf meinen Mutterinstinkt vertrauen kann. Ja, sogar vertrauen muss!

Lasst mich euch ein wenig die Situation erklären. Ich bin „Single Mom“ und musste meine Berufsausbildung abschließen, damit ich für meinen Sohn und mich sorgen kann. Ich sollte im Februar 2016 meinen Vorbereitungsdienst wieder antreten. Also habe ich schon im September 2015 begonnen eine Tagesmutter oder einen Krippenplatz für meinen Sohn zu suchen. Es war sehr mühselig und deprimierend. Entweder waren die Tagesmütter komplett ausgebucht oder der Krippenplatz war zu weit weg. Es war einfach zum Mäuse melken. Zu meiner Erleichterung fand ich im Oktober 2015 eine Tagesmutter. Mir sind so viele Steine vom Herzen gefallen, dass könnt ihr euch nicht vorstellen.

Ich muss sagen, dass ich mir wie die schlimmste Mutter der Welt vorkam. Ich musste meinen Sohn, mit nur 10 1/2 Monaten, in die Fremdbetreuung geben. Es war furchtbar. Mein kleines Baby sollte bei jemand anderem den Großteil seines Tages verbringen ohne seine Mama. Er war glücklicherweise kein kompliziertes Kind und machte nicht denn Eindruck, dass es ihm große Schwierigkeiten bereiten würde. Ich musste für mich einen Weg finden, dass Positive aus der Situation herauszufiltern. Ich habe es nicht aus Selbstverwirklichung getan, sondern um mir und meinem Sohn den Lebensunterhalt zu verdienen. Ich wollte und will ein gutes Beispiel für ihn sein.

Ich war bei der Tagesmutter zum Schnuppern und habe mich menschlich sehr gut mit ihr verstanden. Sie war eine resolute und lustige Frau mit ihren ganz eigenen Ansichten. In meiner naiven Sichtweise und noch im Taumel der Freude eine Betreuung für meinen Sohn gefunden zu haben, blendete ich die kleinen störenden Momente einfach aus. Ich hatte leider auch keine Vergleichsmöglichkeiten und bin zu unwissend und blauäugig in das Ganze hineingegangen. Zudem muss man aber auch sagen, dass ich keine großartigen Wahlmöglichkeiten bzw. Auswahlmöglichkeiten anderer Tagesmütter hatte. Es waren solche Dinge wie: „Da muss das Kind eben durch. Ein bisschen Weinen ist nicht schlimm. Es ist nicht gut, dass ein Kind im Elternbett schläft. Ein Kind muss lernen alleine einzuschlafen.“ Das sind nur ein paar Auszüge ihrer Aussagen. Ich habe es nicht ernst genommen und mir einfach nur gedacht, dass man nicht in allen Punkten im Bezug auf Erziehung übereinstimmen kann. Ich wusste nicht, dass diese Punkte für mich nun die „Make it or break it“ Ansichten sind.

Nach dem Schnuppern begann am 18. Januar 2016 die Eingewöhnung. Ich war sehr optimistisch und voller Hoffnung und Zuversicht. Aber es gab schon jetzt eine kleine leise Stimme, die mich versuchte zu warnen. Doch auf den Mutterinstinkt hören, das tat ich nicht.

Es wurde bereits am 1. Tag eine Trennung vollzogen von einer Stunde. Der kleine Mann hatte ja schließlich bei ihr schon geschnuppert und kannte sie. Allerdings war sie für meinen Sohn noch nicht zu einer Vertrauensperson geworden. Sie hat sich nicht die Zeit genommen ihn kennenzulernen, mit ihm zu spielen oder ihm etwas vorzulesen. Meiner Meinung nach ist es äußerst unprofessionell und in keinster Weise zu rechtfertigen, gleich zu Beginn schon so eine lange Trennung zu vollziehen. Sie hat sich mit mir unterhalten und mir Tipps gegeben, die ich nicht wollte und nach denen ich auch nicht gefragt hatte.

Am Tag darauf sollte ich gehen und mein Sohn sollte bei ihr bleiben. Im Vorhinein hatte ich ganz klar kommuniziert, dass ich spätestens nach 10 Minuten Weinen meines Sohnes geholt werden wollte. Ich kam also am 2. Tag der Eingewöhnung bei der Tagesmutter an und bekomme von ihr gesagt, dass mein Sohn so müde war und sie ihn ins Bett gelegt hatte. Er würde jetzt schon eine 3/4 Stunde lang weinen. Ich war entsetzt! Da stand mein kleiner, süßer, sonst so fröhlicher Sohn in diesem Kinderbett. Das kleine Gesichtchen nass von den geweinten Tränen und immer noch kullerten weitere Tränen seine Wangen herunter. Ich eilte zu meinem Sohn, hob ihn hoch und drückte ihn an mich. Es dauert sehr lange bis sich mein Sohn wieder beruhigt hatte.

Ich war fassungslos und wirklich schlicht und ergreifend überfordert mit dieser Situation. Ich konnte es nicht fassen, dass sie sich so über meine Wünsche hinweggesetzt hat. Ich konnte es nicht fassen, dass sie meinem Sohn in einer fremden Umgebung mit fremden Personen ohne seine Mama so eine schlechte Erfahrung machen lässt. Ich konnte es nicht fassen, dass mir dann auch noch tatsächlich von ihr geraten wurde, nicht mehr das Einschlafstillen zu praktizieren und auch mit dem Kind das „alleine schlafen“ zu üben.

Bestimmt denken jetzt schon einige, hier wäre für mich jetzt schon Schluss gewesen. War es für mich nicht. Ich wusste ja, dass ich arbeiten gehen musste. Und andere Tagsmütter gab es nicht. Also übte ich mit meinem Sohn. Auf meine Mutterinstinkt hören? Nein, das tat ich nicht. Ich legte mein Kind in sein Bett und setzte mich neben ihn, streichelte seinen Kopf oder seinen Rücken. Hoffend, dass er bald einschläft. Zugegeben, ich war nicht davon überzeugt. Ich habe mein Kind irgendwann aus dem Bett herausgehoben, ihn getragen und getröstet bis er wieder normal geatmet hat. Ich beschloss ihn weiterhin in meinem Bett schlafen zu lassen und legte ihn an. Sofort entspannte er sich, da er zu Hause war, genau dort wo er sich am Sichersten, Geborgensten und Geliebtesten fühlte. Es hat sich so richtig angefühlt, das zu tun. Unvermittelt konnte ich sehen , dass es meinem Sohn gut tut. Er ist mein Sohn, ich bin seine Mutter und kenne ihn am besten.

Leider saß mir der Druck und das Wissen, Arbeiten gehen zu müssen in weniger als 2 Wochen, immer noch brisant im Nacken. Also gab es am 3. Eingewöhnungstag noch einmal einen Versuch ihn mit mir, dort schlafen zu legen.

Ich brachte mein Kind dort ins Bett, sagte ihm „Gute Nacht.“, drückte ihn fest und gab ihm einen Kuss. Aber da kullerten auch schon große Tränen seine Wangen herunter. Er wollte dort nicht bleiben. Er wollte zu seiner Mama. Aber ich ging. Da ich wusste, er würde dort hin gehen müssen. Schließlich musste ich in weniger als 2 Wochen arbeiten. Ich stand vor der Tür und hörte meinem Kind beim Weinen zu. Ich unterdrückte gefühlte 1000 Mal den Impuls zu meinem Kind zu eilen, ihn zu drücken und zu beruhigen. Warum? Weil, ich doch arbeiten gehen musste und mein Kind nicht mitnehmen konnte, so gerne ich das auch in diesem Moment getan hätte.

Nach eigener gefühlten Stunde – es waren höchstens 5 Minuten – konnte ich nicht mehr.

Ich war fertig mit mir, der Welt und meiner Situation. Ebenso war ich ins Nebenzimmer geflüchtet, um das Weinen meines Kindes nicht mehr so prägnant hören zu müssen. Dachte ich zumindest. Doch es war genauso schlimm. Auch mir rollten die Tränen über die Wangen.

Die Tagesmutter versicherte mir, dass es für mich viel schlimmer sei als für meinen Sohn. Zudem hat sie auch ein Kind großgezogen und der sei wohlgeraten. Allerdings war er im Internat, daher konnte ich das schlecht beurteilen. Aber eben diese Sprüche brachten bei mir das Fass zum Überlaufen.

Ich entschloss mich im Bruchteil einer Sekunde meinen Sohn jetzt endlich zu holen und dieser unsäglichen Quälerei ein Ende zu setzen.

Es hat sich noch nie in meinem Leben etwas so gut und richtig angefühlt. Ich ging in das Zimmer hinein, lief auf das Gitterbettchen zu und nahm mein Kind heraus. Er drückte sich an mich mit seinen 10 1/2 Monaten. Und es war als wollte er in mich hineinschmelzen. Er brauchte mich jetzt mehr als je zuvor. In diesem Augenblick wusste ich, dass mein Kind auf keinen Fall zu dieser Tagesmutter mehr gehen würde. Ich zog ihn an und wir gingen.

Mit meinen Eltern besprach ich meine Entscheidung. Sie standen hinter mir und meinten nur:“Er muss da nicht hingehen. Und er muss sich erst recht nicht in den Schlaf weinen.“

Wenn Kinder sich in den Schlaf weinen, nehmen sie diesen Stress mit in die Nacht hinein. Während des Schreiens wird vom Körper das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet. Und dessen Konzentration bleibt bis zum Morgen auf einem hohen Niveau, bei dieser stressigen Art für Kinder einzuschlafen. Wenn der Cortisolspiegel durch Schreien erhöht bleibt, wird in dem Kind Stress ausgelöst. Das entspricht dem Urverhalten Angriff oder Flucht. Dies geschieht bei Erwachsenen und Kindern gleichermaßen. Cortisol hemmt zudem das Immunsystem. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolwert sorgt für eine Grundanspannung mit einhergehender leichter Erregbarkeit, Beeinflussung des Wachstums und der Lernfähigkeit. Die Folgeschäden können sowohl physisch als auch psychisch sein. Während der Nacht erfahren Kinder demnach keinen erholsamen, aufbauenden Schlaf., sondern sie tragen den Stress vom Vorabend mit in den nächsten Tag hinein. Im Laufe der Zeit sammelt sich dann einiges an. Wie ich finde, eine denkbar schlechte Kombination.

Habt ihr ähnliche Erlebnisse gemacht? Wo habt ihr nicht auf euren Mutterinstinkt gehört. Sie schon aus Höfflichkeit, Unsicherheit oder weil man niemanden vor dem Kopf stoßen wollte? Gibt es Momente, in denen ihr heute rückblickend anders handeln würdet?

Herzlichst,

eure Vanessa

 

 

1 Kommentar

  1. Hallo,
    oh wie gut kann ich deine Gefühle nachvollziehen.. mein Sohn war damals keine 4 Wochen alt. Wir bekamen unheimlich viel Besuch, die überhaupt keine Rücksicht auf meinen kleinen noch auf mich genommen haben. Es war Stress pur für uns beide. Letzenendes kam eine Freundin zu Hilfe und sorgte für Ruhe. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht in der Lage diesen Schritt zu wagen.
    Beim nächsten mal wird mir das nicht passieren!!!
    LG

Kommentare sind deaktiviert.