Rückblick auf 6 Monate stillen

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Ich denke, jede Mama kennt es: Plötzlich wird einem bewusst, wie viel Zeit schon vergangen ist, seitdem man Mama ist. Was alles passiert ist, wie man sich verändert, was man gelernt hat. So geht es mir momentan mit dem Thema Stillen. Meine Tochter ist nun sechs Monate alt und ebenso lange stillen wir beide jetzt schon, mein persönlicher Rückblick auf 6 Monate Stillen.
Wenn ich an den Anfang unserer Stillbeziehung denke, erinnere ich mich vor allem an meine Unsicherheit. Ich hatte mich in der Schwangerschaft kaum bis gar nicht mit dem Thema Stillen auseinandergesetzt. Ich dachte, das wird schon klappen und so schwierig kann die natürlichste Sache der Welt doch nicht sein. Ehrlich gesagt konnte ich den ganzen Hype ums Stillen auch gar nicht verstehen, dass Mütter es schön finden. Ich dachte einfach, durchs Stillen wird mein Baby ernährt, es ist die natürliche Art und die beste Ernährung für mein Kind, also mache ich es. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob es klappen wird oder ob ich genug Milch haben werde.
Als die Hebamme mir nach der Geburt dann half, dieses kleine Wesen das erste Mal anzulegen, fühlte es sich einfach richtig an. Leider war es dann die nächsten Tage doch komplizierter als gedacht, dieses kleine hungrige und daher ungeduldige Baby richtig anzulegen. Einerseits konnte ich mich durch die Schmerzen nach dem ungeplanten Kaiserschnitt nicht so bewegen, wie ich wollte, und war dadurch oft zu langsam. Andererseits habe ich mir in diesen ersten Tagen oft noch zwei Arme mehr gewünscht, da ich mit dem ganzen Drumherum aus Stillkissen, Oberteil aus dem Weg halten und dem zappelnden Baby ein bisschen überfordert war. Und dann soll man auch noch die Brust halten, an der es trinkt. Und sich nebenbei noch merken, welche Brust als letztes dran war. Abwechseln nicht vergessen! Oft habe ich mich gefragt, ob ich das jemals hinkriege. Ich habe bewusst gedacht „ICH“, denn meine Tochter wusste eigentlich ziemlich genau, wie es geht und was sie machen muss. Nach ein paar Tagen konnte mein Mann mir gut helfen, weil er beobachtet hatte, welche Tipps und Kniffe die Kinderschwestern draufhatten. So wurden wir schnell ein gutes Team zu dritt.
Vor allem am dritten Lebenstag unserer Tochter, als der berühmte Baby-Blues einsetzte, habe ich viel gegrübelt, ob sie denn genug bekommt, ob ich etwas falsch mache. Bekanntlich nehmen die Kleinen nach der Geburt ja ab, was völlig normal ist. Aber bevor ich den Milcheinschuss hatte, habe ich nichts gespürt, wenn sie genuckelt hat. Ich habe nur immer ihre Ohren beobachtet, ob die sich bewegen beim Schlucken. Als ich sie nach dem Milcheinschuss das erste Mal schlucken hören konnte, musste ich vor Freude weinen.
In ihrer dritten Lebensnacht habe ich jede Mahlzeit aufgeschrieben mit Uhrzeit und Seite, weil ich mir absolut nicht merken konnte, welche Seite dran ist, und dachte, ich müsste genau wissen, wie oft sie getrunken hat.
Ich wollte eigentlich nie so viel darüber nachdenken, aber durch das ganze Hormon-Chaos nach der Geburt, diese explosionsartige Liebe für diesen kleinen Menschen und das absolute Bedürfnis, ihn bestens zu versorgen, hatte ich doch immer Sorge, ob ich das überhaupt kann. Nach einer Geburt ist man so unglaublich verletzlich und empfindsam und so kommen doch Zweifel auf, auch wenn man vorher alles ganz locker sah.
Nach ein paar Tagen wurde ich entspannter. Die Schmerzen von der OP wurden weniger und ich konnte meine Tochter alleine anlegen. Dadurch, dass ich mich besser bewegen konnte, konnte ich auch schneller auf die ersten Hungerzeichen meiner Tochter reagieren. Denn zwischen den ersten Hungerzeichen und dem absoluten Ausflippen vor Hunger lagen bei ihr am Anfang nur wenige Minuten, die ich zu dieser Zeit schon brauchte, um mich aus dem Bett aufzusetzen. Mit der Zeit hörten auch die Nachfragen der Familie auf, ob denn das Stillen überhaupt klappt. Wahrscheinlich meinte das niemand böse, aber diese vielen Fragen setzten mich am Anfang ein bisschen unter Druck. Stress und Druck sind Gift für eine Stillbeziehung. Erst, als ich mich selber entspannen und darauf vertrauen konnte, dass meine Tochter und ich das als Team können, konnte die Milch richtig fließen.
In den ersten Wochen Zuhause prasselten sehr viele Ratschläge auf mich ein: Nicht öfter als alle zwei Stunden anlegen. Ja niemals vergessen, die Seite zu wechseln. Dies und das auf keinen Fall essen. Bei mir wolle meine Tochter ja sowieso nur trinken und deswegen solle ich sie auch mal abgeben. Mein Bauchgefühl riet mir fast immer etwas anderes und danach richte ich mich auch immernoch.
Und so entstand eine wunderschöne Stillbeziehung zwischen meiner Tochter und mir. Wir genießen die Kuschelstunden sehr, vor allem beim Einschlafstillen. Es ist ein tolles Gefühl für mich, wenn meine Tochter beim Stillen zur Ruhe kommt und sich so geborgen fühlt, dass sie einschlafen kann. Aber auch tagsüber, wenn sie „einfach nur“ trinkt und mir dabei fest in die Augen schaut oder sich dann abdockt und mich anlächelt, sind das Momente, die ich mir ganz fest bewahren will. Das gehört nur meiner Tochter und mir. „Einfach nur“ deswegen, weil stillen niemals einfach nur trinken ist. Stillen ist Nähe, Geborgenheit, Schutz. Nahrung für Körper und Seele.
Es gab und gibt aber auch anstrengende Momente. Stillen ist anstrengend, das sage ich ganz offen und ehrlich. Ich denke, das sollte gesagt werden, denn wenn alle immer nur so tun, als wäre Stillen immer und egal wie oft in der Nacht das Schönste, was sie sich vorstellen könnten, fühlen sich Frauen wie ich, die manchmal einfach fertig sind, noch schlechter. Nein, Stillen darf anstrengend sein. Man darf sich auch als Still-Mama wünschen, dass der Papa die Flasche geben könnte, wenn man zum siebten mal in der Nacht wach wird, um ein kleines hungriges Baby trinken zu lassen. Das ist völlig in Ordnung. Spätestens, wenn dasselbe kleine, nicht mehr hungrige Baby einen nach dem Stillen anlächelt, ist die Anstrengung wieder vergessen. Vor allem wenn das Baby – so wie meins – keine Flasche annimmt und damit abpumpen und den Papa füttern lassen flachfällt, ist man als Mama die einzige Nahrungsquelle und muss gefühlt immer verfügbar sein. Auch wenn sich irgendwann ein Rhythmus eingespielt hat, ist der doch nie sicher. Wie schnell kommt ein Schub, ein Zahn, eine Erkältung oder sonst etwas dazwischen und der schöne Rhythmus ist dahin. Es gibt Tage, an denen meine Tochter am liebsten 20 Stunden stillen möchte. Und ja, das ist anstrengend. Mit der Zeit entwickelt man aber genau für diese Tage Überlebensstrategien. Zu meinen erzähle ich euch später mehr. Als meine Tochter ca. fünf Wochen alt war, hatten wir eine sehr schwierige Phase, was das Stillen betrifft. Sie trank und fing plötzlich an, sich zu winden und zu schreien. Meistens hustete sie dann auch noch. Sie konnte sich dann kaum mehr beruhigen und folglich auch nicht trinken, hatte aber Hunger, was sie noch mehr schreien ließ. Ein kleiner Teufelskreis. Ich war regelrecht verzweifelt und hatte vor jeder Stillmahlzeit schon Panik, weil sie mir so leid tat und ich mir so sehr wünschte, dass Stillen etwas schönes für uns beide ist. In diesen Wochen habe ich sehr oft überlegt, abzustillen und auf die Flasche umzusteigen, weil ich damals dachte, das würde vieles leichter machen. Warum ich es letztendlich doch nicht gemacht habe, weiß ich nicht genau. Ich denke, ich wollte es einfach unbedingt schaffen. Ich habe mir eine Stillberaterin gesucht, per Email Kontakt aufgenommen und so konnten wir das Problem lösen.
Für die Interessierten, was das Problem war: Ich hatte zu viel Milch und einen zu starken Milchspendereflex. Meiner Tochter war die Milch-Flut zu viel, sie hat sich daran verschluckt und konnte deswegen nicht richtig trinken. Durch die Technik des Block-Stillens haben wir das in den Griff bekommen. Block-Stillen heißt, nicht wie üblich bei jeder Stillmahlzeit beide Seiten anzubieten und jedes Mal zu wechseln, sondern über einen längeren Zeitraum, z.B. vier oder sechs Stunden, nur auf der einen Seite zu stillen und in den nächsten sechs Stunden dann nur die andere Seite anzubieten. Durch diese Technik wird die Milch reduziert. Man sollte das Block-Stillen aber wirklich nur nach Absprache mit einer Stillberaterin anwenden, denn wie oben beschrieben wird dadurch die Milchmenge reduziert, was ja sehr häufig vermieden werden soll.
Und was soll ich sagen? Ich stille nun seit sechs Monaten und bin so glücklich über meine Sturheit oder besser über mein Durchhaltevermögen. Am Anfang unserer Stillbeziehung dachte ich oft, ich würde drei Kreuze machen, wenn die sechs Monate, die ich mir vorgenommen hatte, voll zu stillen, vorbei wären und ich abstillen könnte. Nun sind sie vorbei und ich habe nicht vor, so bald abzustillen. Und wie es aussieht, meine Tochter auch nicht.
Ich liebe das Stillen, auch wenn es mitunter sehr anstrengend ist. Es gibt so viele schöne Momente, die mich mit den Anstrengungen wieder versöhnen. Das Stillen schafft Momente zwischen meiner Tochter und mir, die nur uns beiden gehören. Das Stillen hat mich mit meinem Körper versöhnt, nachdem ich erst sehr darunter gelitten habe, dass die Geburt nicht so verlief, wie ich es mir gewünscht habe. Mein Körper ernährt meine Tochter körperlich und seelisch, lässt sie wachsen und stark werden.
Mittlerweile ist das Stillen handwerklich Routine für uns geworden – wir können überall, in jeder Position ohne Hilfsmittel stillen, egal ob beim Kochen, in der Badewanne oder wenn wir unterwegs sind – vom Gefühl her wird es aber niemals Routine werden. Es wird immer aufregend, anstrengend, besonders, exklusiv und voll mit all unserer Liebe sein.
Wenn ich jetzt mit meinem schwangeren Ich von vor gut sechs Monaten sprechen und mir selber ein paar Ratschläge geben könnte, um mir die erste Stillzeit zu erleichtern, würde ich mir folgendes sagen:
Informiere dich über Cluster-Feeding
Früher oder später kommt der Tag, an dem dein Baby ständig trinken will. Es wird sich nicht anders beruhigen lassen und furchtbar quengeln oder sogar weinen, wenn es nicht an der Brust ist. Du wirst erst sehr verunsichert sein und wenn du die Lage dann noch jemand anderem erzählst, wirst du mindestens einmal hören, dass dein Baby wohl nicht mehr satt wird oder deine Milch nicht mehr reicht. Aber ich kann dir sagen, dein Baby weiß, was es da tut. Es clustert. Dein Baby weiß, dass es bald wachsen und mehr Milch brauchen wird und bestellt sich durch das Clustern den Mehrbedarf. Das ist anstrengend, mach dich darauf gefasst, dass der Haushalt liegenbleibt. Aber es geht vorbei. Und das Beste ist, es ist ganz normal. Wenn du dir doch Sorgen machst, dann kannst du an der Gewichtszunahme deines Babys und an der Anzahl seiner nassen Windeln am Tag feststellen, ob es genug bekommt.
Suche dir eine Stillberaterin
Es gibt in fast allen Städten ehrenamtliche Stillberaterinnen, die du im Notfall oder auch einfach bei Fragen und Unsicherheiten per Email oder Telefon kontaktieren kannst und die dir bei deinem Problem helfen. Viele von ihnen bieten auch Stilltreffen an, bei denen du dich mit anderen Mamas austauschen und immer den einen oder anderen Tipp bekommen kannst. Am besten suchst du online nach einer Stillberaterin in deiner Nähe. Ohne meine Stillberaterin hätte ich wahrscheinlich nicht bis heute durchgehalten. Sie ist wirklich Gold wert.
Schau nicht auf die Uhr
Stresse dich nicht mit Uhrzeiten und Stillabständen. Stillen nach Bedarf heißt die Devise. Wenn dein Baby Hunger hat, lässt du es trinken. So wird es optimal versorgt und spürt so, dass es sich darauf verlassen kann, dass seine Bedürfnisse gestillt werden. Wenn du dein Baby immer dann anlegst, wenn es Hunger hat, kann sich die Milchproduktion genau an den Bedarf deines Babys anpassen.
Überlebenskit für Cluster-Tage
Generell ist es eine gute Idee, immer etwas zu trinken griffbereit an eurem Still-Platz zu haben. An Cluster-Tagen wirst du dich zusätzlich über etwas zu knabbern, eine Decke, ein Buch, dein Handy oder die Fernbedienung für den Fernseher freuen, denn es könnte sein, dass du ziemlich lange da liegst. In der Praxis haben sich auch Kopfhörer für den Fernseher bewährt. Grundsätzlich schaue ich beim Stillen kein Fernseh oder aufs Handy, weil ich den Moment mit meiner Tochter bewusst fühlen möchte. Wenn sie aber mehrere Stunden am Stück im Schlaf nuckelt, tut ein bisschen Unterhaltung ganz gut. Wichtig ist auch, dass du dich so bequem wie möglich hinlegst bzw. hinsetzt. Du kannst dir ein richtiges Nest auf dem Sofa oder im Bett bauen.
Vertraue deinem Baby und dir
Das ist der wichtigste Tipp, den ich dir geben kann. Hör auf dein Baby, es weiß, was es braucht, und hör auf dein Bauchgefühl. Lass dich nicht verrückt machen. Dein Baby ist durch das Stillen optimal versorgt, es braucht kein zusätzliches Wasser, Tee oder etwas „Richtiges zu essen“ vor der Beikostreife. Stillen ist nicht immer leicht, es wird bestimmt auch mal Schwierigkeiten geben, aber das bedeutet nicht automatisch, dass deine Milch nicht reicht. Wenn es Probleme gibt, wende dich an eine Stillberaterin. Es ist ok, wenn es Probleme gibt. Deswegen hast du nicht versagt. Stillen ist zwar eine sehr natürliche Sache, aber oft müssen wir es einfach lernen. Es geht nicht immer wie von selbst. Dein Baby und du, ihr seid ein Team. Dein Baby weiß, wie es geht, und du wirst es ganz schnell lernen, wenn du dich von deinem Baby und deinem Gefühl leiten lässt. Gleichzeitig bedeutet dieser Tipp aber auch, dass es in Ordnung ist, wenn du trotz aller Bemühungen kein gutes Gefühl beim Stillen hast und vielleicht einen anderen Weg einschlägst.
Wie ist es bei euch? Wie habt ihr eure erste Still-Zeit erlebt? Was sind eure Tipps für diese spannende Zeit?
Ich freue mich auf eure Antworten.
Liebe Grüße
Laura

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