Was bedeutet bedürfnisorientiert?

 

In letzter Zeit ist AP, Attachement Parenting, also bindungsorientierte Elternschaft, in aller Munde. Prinzipiell ist AP eine tolle Sache, aber wie weit geht AP und wo stößt AP an seine Grenzen?

Generell stelle ich fest, dass oft die ältere Generation ein Problem damit hat, die Kinder mitbestimmen zu lassen, sie als „gleichwertig“ anzusehen. Viele Menschen vertreten noch immer die veraltete These, dass „ein Kind zu gehorchen hat“. Also frei nach dem Motto: Ich als Elternteil bin der Chef und mein Kind muss gehorchen wie ein Hund.

Zum Glück wurde ich aber in diesem Punkt auch positiv überrascht, dass mein Eingehen auf die Bedürfnisse meiner Kinder „gelobt“ wurde, dass Verständnis für den Frust meiner Kinder gezeigt wurde und nicht darüber gemeckert wurde, als eines der Kinder mit einer Situation für den Moment nicht zufrieden war. Denn leider muss man sich oft anhören, man hätte sein(e) Kind(er) nicht im Griff und sie würden einem auf der Nase herum tanzen. Es ist manchmal anstrengend, ja, aber auch meine Kinder sollen lernen, für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen. Blinden Gehorsam möchte ich nicht!

Doch was bedeute bedürfnisorientiert nun? Für mich persönlich bedeutet bedürfnisorientiert, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen. Das schließt meine Bedürfnisse und die meines Mannes ebenso ein, wie die Bedürfnisse unserer Kinder. Klar ist, dass es schlicht unmöglich ist, allen Bedürfnissen gleichermaßen gerecht zu werden.

„Es ein Jedem recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann“, sagt schon der Volksmund.

Und ja, manchmal fehlt mir auch ehrlich gesagt schlicht das Verständnis für ein bestimmtes Bedürfnis. Habe ich ein Neugeborenes, so ist es nun mal meine Aufgabe, für dieses kleine Wesen da zu sein. Es braucht mich als Mama 24/7 und vor allem als Stillmama bin ich zu 100% für das Überleben meines Säuglings verantwortlich. Natürlich gibt es auch in dieser Phase kurze Auszeiten für mich als Mama. Ich gehe in Ruhe duschen und Papa oder Oma oder Tante passen in dieser Zeit auf mein Baby auf. Ich gehe kurz alleine einkaufen, wenn ich jemanden habe, der auf mein Baby aufpassen kann.

Wichtig ist zu unterscheiden zwischen „Wunsch“ und „Bedürfnis“. Ich wünsche mir oft, mehr Zeit für mich zu haben, aber durch Job, Haushalt und den Kindern ist das leider nicht immer möglich. Wenn ich merke, dass ich nun wirklich an meine Grenzen stoße, ist es an mir, dies zu ändern. Dann ist es für mich ein Bedürfnis, Zeit für mich zu haben, um Kraft zu tanken. Was ich dann auch ohne schlechtes Gewissen tue!

Im Normalfall weiß Frau, was es bedeutet, Mama zu werden und Mama zu sein. Bereits im Vorfeld habe ich mit meinem Partner darüber geredet, wie es sein könnte, welche Vorstellungen wir vom Elternsein und der künftigen Erziehung haben. Allerdings darf man nicht vergessen, dass sich viele Vorstellungen, die man vor der Geburt hatte, sich mit der Geburt des Babys in Schall und Rauch auflösen. Flexibilität und Bauchgefühl sind die Zauberworte!

Gerade was Bedürfnisse angeht, ist für mich ein wichtiges das Thema „Familienbett“! Ich habe das Glück, dass auch mein Mann das Familienbett von Anfang an befürwortet hat. Meine Kinder haben nachts oft stündlich gestillt und hätte ich dafür aufstehen müssen, hätte ich wohl keine Nacht mehr geschlafen.

Leider habe ich in letzter Zeit des öfteren von Mamas gelesen, die das Familienbett auf Gedeih und Verderb durchsetzen wollten, ohne Rücksicht auf den Papa und diesem die Pistole auf die Brust gesetzt haben, frei nach dem Motto: „Wenn du kein Familienbett willst, dann zieh auf die Couch, mein Kind schläft bei mir“. Wo bleibt da das Bedürfnis des Papas? Und ist das wirklich eine gute Basis für die weitere Zukunft der Beziehung oder Ehe?

Natürlich ist es sehr wichtig, auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen und bis zu einem gewissen Alter stehen die Bedürfnisse der Kinder ohne Zweifel an erster Stelle, daran gibt es nichts zu rüttlen. Aber dennoch ist es meiner Meinung nach unabdingbar, einen Weg zu finden, mit dem alle zufrieden sind. Denn was habe ich davon, wenn letzten Endes meine Ehe daran zugrunde geht, weil ich meinen Mann nicht mehr achte und seine Bedürfnisse nicht ernst nehme?

Kompromiss und Verständnis ist hierbei der Lösungsweg! Vielleicht wäre es beim Thema Familienbett eine Alternative, ein Beistellbett an Mamas Bett zu stellen, sodass die Eltern ihr Bett sozusagen für sich alleine haben und das Baby dennoch nicht alleine schlafen muss?

Die Kinder werden größer, sie werden irgendwann selbständiger und das bedeutet dann auch für mich als Mama, dass ich meine eigenen Bedürfnisse wieder mehr in den Vordergrund stellen kann. Was im Umkehrschluss aber nicht bedeutet, dass ich die Bedürfnisse meiner Kinder weniger wahrnehme, ihnen weniger Wichtigkeit zugestehe als meinen eigenen!

Aber: Wenn ich merke, dass ich am Limit bin, gönne ich mir z.B. eine Wohlfühlmassage und die Kinder haben dann Papa-Zeit, auch wenn sie lieber hätten, dass Mama bei ihnen ist. Denn auch meine Bedürfnisse müssen gewahrt und geachtet werden, ebenso die meines Mannes, auch wenn unsere Kinder das für den Moment nicht so toll finden. Aber das gehört meiner Meinung nach ebenfalls dazu: Den Frust der Kinder auszuhalten, sie dabei zu begleiten und ihnen zugestehen, dass sie das nicht schön finden.

Oft lese ich gerade in Internetforen, wie toll AP ist und was angeblich alles so AP sei. Dazu möchte ich anmerken:

Nein, AP ist NICHT Selbstaufgabe. AP ist NICHT, sein Kind über alles und jeden zu stellen. Und AP ist gewiss NICHT, sein Kind das Eigentum anderer zu beschädigen lassen.

Und es ist NICHT AP, auf andere herabzusehen, die einen anderen Weg einschlagen als man selbst.

AP ist nach wie vor, die Bedürfnisse ALLER zu wahren und wahrzunehmen.

Für jede Familie in ihren eigenen Schuhen.

Und: AP ist eine Einstellung, ein Gelebt-werden und den jeweiligen Begebenheiten angepasst. AP hat keine Regeln, die starr und unumstößlich sind!

Aber schlagen, schreien lassen, Gewalt gegen Kinder und Tiere und Hassreden sind keinesfalls zu tolerieren und in keinster Weise bindungsorientiert.

Wie seht ihr das? Ich freue mich auf eine anregende Diskussion!

Eure Nadine