Mikrokosmos „AP“

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An manchen Tagen fühle ich mich wie ein kleines Alien. Nicht von dieser Welt, als würde ich auf einem fernen Planeten wohnen. Mein Mann und ich leben und erziehen bedürfnisorientiert bzw. bindungsorientiert. Wir versuchen – so weit es möglich ist – die Bedürfnisse aller wahrzunehmen und zu respektieren. Wir handhaben das so als Paar, denn keiner von uns ist wichtiger oder wertvoller als der andere. Wir sind gleichwertig und gleichberechtigt. Unserer Tochter begegnen wir auf die gleiche Weise. „Attachement parenting“ ist für uns kein vorgeschriebenes Programm mit starrem Rahmen. AP ist viel mehr eine Lebenseinstellung, etwas, das aus dem Innern kommt. Bauchgefühl, Mutterinstinkt, Empathie bzw. emotionale Intelligenz.

Vor meiner Schwangerschaft und überhaupt bevor ich einen konkreten Kinderwunsch hatte, war es mir schnurzpiepegal, wie andere ihre Kinder großziehen- solange niemand sein Kind schlug! Doch seit fast einem Jahr bin ich nun selbst Mama. Meine Ansichten haben sich in vielen Dingen geändert, alte Vorstellungen wurden teilweise verworfen und neue Denkweisen kristallisierten sich allmählich heraus. Ich war jahrelang der Meinung, im Grunde würden alle Eltern ihre Kinder gleichermaßen erziehen- mit einigen Nuancen. Doch dass es sich eher um eine riesige Kluft handelt, wurde mir erst im Laufe des letztens Jahres bewusst.

Wir leben bedürfnisorientiert. Für mich und meinen Mann bedeutet dies,  dass wir auf die Bedürfnisse unseres Kindes eingehen. Wenn unsere Tochter z. B. ihr großes oder kleines Geschäft verrichten möchte, zeigt sie dies häufig. Wir hüpfen dann mit ihr ins Bad und halten sie ab. Mal gelingt es tagelang recht gut und an anderen Tagen eben nicht. Hauptsache ist, dass wir ihre Signale erkennen und auf ihr Bedürfnis, sich erleichtern zu müssen, eingehen. Manchmal passiert es, dass der Zeitraum zwischen „Ich muss mal“ und „Schon fertig“ nur wenige Sekunden sind und sie pullert uns auf den Fußboden. So etwas passiert. Nie würden wir sie dafür bestrafen oder ausschimpfen, schließlich ist sie noch kein Jahr alt. Sie wird kurz abgeschruppt, bekommt trockene Kleidung an und schon kann weitergespielt werden. Sobald es warm genug Draußen wird, darf unsere Kleine nackig durch den Garten springen. Doch solange es noch kalt und regnerisch ist, trägt sie tagsüber meist die schönen, bunten Pockets.

Das ist unser Alltag. Genauso wie das Tragen. Für mich ist es vollkommen normal mein Kind im Tragetuch oder der Tragehilfe zu transportieren. Sie lehnte anfangs den Kinderwagen ganz ab und wollte lieber getragen werde. Seit her haben wir den Kinderwagen auch nicht mehr angerührt. Wir haben ihn in gut 10 Monaten auch nicht vermisst bisher. Selbst Einkaufen ist mit Tuch oder Trage kein Problem, denn die ein oder zwei Taschen kann ich auch noch tragen. Auch beim Hochtragen in den 3. Stock, kann mir so ein Kinderwagen nicht weiterhelfen. Und für den Großeinkauf nehmen wir ohnehin das Auto. Tragen ist eben unser Alltag.  Es ist normal.

Gerade weil der bedürfnisorientierte Umgang mit meinem Kind so normal für mich ist, stoße ich mittlerweile oftmals an eine Grenze: andere Eltern. Es ist so normal für mich geworden, mein Kind nicht schreien zu lassen, zu stillen und zu tragen, es nicht anzuschreien oder frühestmöglich abzugeben, dass es mich verwirrt, wenn andere Eltern dies eben anders machen. Ich finde es z. B. wirklich schade, wenn Eltern das Tragen von vornherein ablehnen, weil sie es schlichtweg blöd und unnütz finden. Aber wie kann es blöd sein, seinem Kind Nähe und Geborgenheit zu geben? Wie kann es unnütz sein, seinem Neugeborenen durch Tragen ganz natürlich bei Bauchweh Linderung zu verschaffen? Gerade in den ersten 3 – 4 Monaten ist das richtige Tragen optimal für ein Neugeborenes und es ist praktisch für die Eltern. Man kuschelt mit seinem Kind, hat es direkt im Blickfeld und man hat zudem noch beide Hände frei!

Bitte nicht falsch verstehen, es ist nicht so als wäre ich eine fanatische Tragetante. Auch eine Kombination aus Tragen und Kinderwagen begrüße ich sehr. Und ich verstehe auch, wenn Mamas von besonders kräftigen Kindern, diese eben nicht stundenlang herumtragen können. Aber etwas abzulehnen, das man nicht kennt, nur weil man es nicht kennt…Ich finde es schade – vorallem für das Kind. Man muss ja sein Kind nicht bis zur Einschulung tragen oder stillen. Aber es überhaupt nicht erst versuchen oder gar verteufeln – obwohl es die natürlichen Bedürfnisse des Kindes sind – finde ich einfach nicht richtig.

„Das macht man halt so.“
„Mein Kind hat das schließlich auch überlebt.“

Und weil ich merke, wie es mich dann doch stört, wenn jemand sich so gar nicht für die Bedürfnisse seines Kindes zu interessieren scheint, habe ich meist schon keine Interesse an einer weiteren Unterhaltung. Mir geht es da so wie der Mama auf der anderen Seite, die eben meine Lebens- und Erziehungsweise von vornherein ablehnt. Es fällt mir schwer mit jemandem ein Gespräch zu führen, der so gegensätzliche Ansichten vom Leben hat. Das war auch schon vor der Geburt meines Kindes so. Und mal ganz ehrlich, wem fällt es nicht schwer mit jemandem zu sprechen, der z.b. eine grundverschiedene politische Meinung hat? Man hat oft gar keine Gesprächsgrundlage. Und so geht es mir nun mit Kind. Ich gebe es offen zu, ich kann mittlerweile wenig mit Eltern anfangen, die ihr Kind partout nicht tragen wollen oder Mütter, die ihr Kind auch purem Egoismus nicht stillen wollen (Wollen, nicht können!). Auch interessiert mich nicht, wie viele Nächte jemand sein Kind hat weinen lassen müssen, damit es endlich alleine schlafen kann. Wir schlafen alle gemeinsam in einem Familienbett. Mein Mann war von Anfang an dafür und freut sich schon darauf, dass wir irgendwann zu viert schlafen werden. Ich weiß, dass es andere Erziehungskonzepte gibt. Ich habe mich im vergangen Jahr mit einigen Eltern über verschiedene Herangehensweisen ausgetauscht. Und im Laufe der Zeit kristallisierte sich für mich immer mehr heraus, dass ich es eben nicht wie „alle anderen“ machen möchte. Nicht wie die breite Masse. Und jede Mama und jeder Papa findet einen Weg, der für sie oder ihn am besten funktioniert. Viele Eltern scheinen den vermeintlich leichteren Weg zu gehen. Aber dieser Weg ist nun mal nicht mein Weg. Für mich ist mein Kind keine Bürde und ich bin gern für es da.

Der bedürfnisorientierte Weg ist streckenweise ein einsamer Weg. Es ist schwer Eltern zu finden, die ähnlich denken und handeln. Umso dankbarer bin ich eine Freundin zu haben, die im Grunde den selben Weg geht wie wir- und zwar ohne, dass wir jemals darüber gesprochen haben! Und ich bin dankbar, Freunde gefunden zu haben, für die Attachement parenting kein Fremdwort ist. Es ist angenehm, Menschen um sich zu haben, die gleichermaßen liebevoll auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen. Wir sind ganz sicher nicht in jedem Aspekt der Kindererziehung konform. Aber in der Summe unserer Handlungen schon…

Wie geht es euch als AP-Eltern? Fiel es euch leicht Gleichgesinnte zu finden?

Eure

Anke

1 Kommentar

  1. Anke du hast Recht. Man versteht vieles nicht muss es aber gleichzeitig respektieren. Nicht einfach als Mama 🙂 ging mir bereits als Hundemama so dass es schwer war zu sehen wie andere mit ihrem Hund umgingen – und jetzt als Mama ist es nochmal schwerer. Ich kann auch nicht nachvollziehen warum so viele Mama’s heute gleichzeitig unabhängig und Mama sein möchten. Als würde das Kind einem etwas wegnehmen – dabei gibt es doch so viel. Ich wurde selbst schon gefragt ob ich die kleine schon mal den Oma’s gegeben habe und ich dachte mich nur „ich möchte sie aber doch bei mir haben und gar nicht abgeben“

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