Unerfüllter Geschlechterwunsch

Mädchen oder junge
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Jeder kennt diese Spannung, man erfährt von der Schwangerschaft, und man sich innerlich, ob man will oder nicht, automatisch die Frage nach dem Geschlecht stellt. Dann, spätestens wenn man es offiziell gemacht hat, kommen auch schon die ersten neugierigen Anfragen bezüglich des Geschlechts und im Verlauf der Schwangerschaft wurden bei mir die Fragen nach dem Wunschgeschlecht immer eindringlicher.
Beim ersten Kind war ich selbst auch noch total neugierig und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mir anfangs ein Mädchen gewünscht. Das lag meiner Meinung daran, das ich selbst mit zwei Brüdern aufgewachsen bin und immer mehr mit ihnen gespielt habe. Da war Radfahren, Skateboarden, im Wald Hütten bauen, Holz schnitzen, Fußball spielen und auf hohe Bäume klettern an der Tagesordnung und immer Action! Umso mehr träumte ich am Anfang von einer Rosa-Zuckerwatte-Welt, Kleidchen mit Rüschen und Haare flechten und frisieren.
Als ich dann endlich beim Ultraschall erfuhr, das es ein Junge wird, war ich ganz kurz enttäuscht. Ich schämte mich sofort für diesen Gedanken aber ja, ich war tatsächlich enttäuscht. Weniger vom Geschlecht, sondern eher, das meine ganze Rosa-Zuckerwatte-Welt plötzlich in eine Blaue-Auto – und Bagger-Welt umgeworfen wurde. Und da merkte ich auch das erste mal, wie Gender-behaftet ich war.
Die Enttäuschung ließ schnell nach, ich habe mich einfach auf mein Baby gefreut und war sogar einige Wochen vor der Geburt total glücklich, dass es ein Junge wird, da ich mir vor Augen führte, dass ich unheimlich viele Erfahrungen mit meinen Brüdern machen durfte und daher auch schon einiges an Übung hatte. Und ich muss sagen, es bestätigte sich. Ich kannte durch meine Brüder alle Automarken und so spielten wir ab Sprechalter, Auto raten und ich zeigte ihm einen Kick Flip mit dem Skateboard. Womöglich das einzige was ich auf einem Skateboard zustande kriege aber bei kleinen Jungs, punktet selbst das 😜
Umso erstaunter war ich, als mein Erstgeborener in den Kindergarten kam, und immer mit den Mädchen, Mutter-Vater-Kind spielte, häufig mit Filzstift lackierten Nägeln, in allen Farben angab, und auch mal die Puppe mit nach Hause nehmen wollte. Da merkte ich wirklich, wie engstirnig ich war oder teilweise auch noch bin. Den Kindern war es total egal, ob er mit dem Prinzessinnen Kleid aus der Verkleide-Ecke rumlief, mit den Mädels frisieren spielte oder mit den Jungs draußen im Regen bolzte. Sie spielten einfach und ließen sich von uns Erwachsenen auch nichts erzählen. So habe ich auch angefangen, ihm „Mädchensachen“ anzubieten.
Aber was sind eigentlich „Mädchensachen“? Wenn ich mich schminkte, zeigte er kein Interesse, hätte er es getan, dürfte er sich ausprobieren. An meinen High Heels (Ich kann garnicht glauben, dass ich da irgendwann mal drauf gelaufen sein soll….freiwillig) konnte er sich dafür nicht satt sehen und es macht uns einen Heidenspaß, Wettläufe damit zu machen. Im Bekleidungsgeschäft lasse ich ihn auswählen und er hat auch schon eine Metallic Rosa Glanz-Leggins mitgenommen, „…einfach weil sie so toll glänzt!“, wie er sagt. Logisch kamen auch direkt Kommentare von „neugierigen“ Zuschauern wie, „Aber das ist doch Pink, du bist doch kein Mädchen, Pink ist nur was für Mädchen“ und er sagte einfach “ Pink ist nicht für Mädchen, Pink ist eine Farbe“ . Da schauste dann selbst als Elternteil mal an dir runter und denkst: „Stimmt, recht hat er.“.
Als ich das zweite mal Schwanger wurde, war ich schon sehr entspannt was diese „Geschlechter-Schubladen“ anging und da wir bis zum siebten Monat sowieso immer hörten, ,, tut mir leid, aber ich sehe absolut kein Geschlecht und müsste raten“ hab ich auch das Fragen dann sein lassen und dachte mir, Hauptsache gesund und Willkommen. Als mein Kind sich zwei Tage vor der Geburt doch drehte und zeigte, dass es sehr wohl ein Geschlecht hatte und ein kleiner Krabbenjunge werden würde, war ich, entgegen meiner Erwartungen, erleichtert. Egoistisch betrachtet, hieß das für mich, keine neuen Klamotten kaufen bzw. nur Kaputtes ersetzen und eine gute Erstausstattung bereits Zuhause zu haben. Ansonsten war ich wahrscheinlich erleichtert, weil ich dachte, zwei Jungs, ähnliche Interessen, ähnliches Spielzeug, kein Überlegen bei Unternehmungen, weil ab einem gewissen Alter, die Interessen doch variieren etc.
Als die Krabbe kam, zog ich ihm an, was da war. Einziges Kriterium war, es musste bequem und spielpraktisch sein. Da ich noch viel Kleidung von mir und meinen Brüdern gefunden hatte, hat er auch häufiger was Neutrales an und wird zu 90% für ein Mädchen gehalten. Und wenn er mal eine rote Strumpfhose trägt oder einen weissen Pullover, sogar zu 100%. Eigentlich habe ich, obwohl er auch klassische blaue „Jungsklamotten“ mit bspw. Autos, Monstern oder Piraten drauf hat, noch nicht einmal gehört , das er ein Junge ist, wenn jemand mich anspricht.
Mittlerweile ist unser Leitspruch: „Farben sind für alle da“. Auch wenn ich eine glückliche, praktische Rabauken-Mama bin, fehlt trotzdem noch ab und an das typische kleine Mädchen in Tutu und Glitzerdiadem aus meinem Zuckerwatte-Traum und es schleicht sich doch der Gedanke ein, wie es wäre als Mädchen-Mama.
Dann gucke ich, mal mehr mal weniger neidisch, die Mädchen-Mamas an, die mit ihren Töchtern im Sand, Kuchen backen und sich Blumenkränze basteln, während ich mal wieder den Bagger vor’s Gebein geknallt bekomme und die Schippe Sand in dem Mund des Bruders geparkt wird.
Andererseits kenne ich einige kleine (sogar jüngere) Mädchen, vor denen sogar mein Wildfang großen Respekt hat und sich lieber nicht mit ihnen anlegt und deren Mütter, total irritiert sind über das gar nicht so märchenhafte Verhalten ihrer Töchter. Was ich aufjedenfall gelernt habe ist, das es völlig egal ist, welches Geschlecht unser Kind hat, sondern dass es umso wichtiger ist, die Bedürfnisse zu erkennen und es zu unterstützen. Und auch wenn es nicht in unser „Weltbild“ passt, trotzdem da zu sein und den Blick zu öffnen für das, was weit abseits zwischen Blau und Rosa, passiert, nämlich die individuelle Entwicklung unserer Kinder, egal ob Junge oder Mädchen.
Ich bin gespannt , ob es euch vielleicht auch so ergangen ist! Habt ihr da ganz andere Erfahrungen gemacht oder Meinungen dazu habt und würde mich sehr freuen, davon zu lesen 😊
Eure Jana-Eliza