Wenn die Nerven blank liegen…

schrei dein kind nicht an

 

Es könnte nicht besser laufen. Die Kinder wollten heute gern in die Kita. Das kam mir sehr entgegen. Der Wäscheberg ist bezwungen, die Spülmaschine läuft und der Einkauf ist erledigt. Es bleibt sogar noch Zeit, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Das Wetter ist spitze und ich freue mich darauf die wilde Meute abzuholen und noch eine Runde mit ihnen spazieren zu gehen.

Mit einem Pulk anderer Mütter komme ich an der Kita an und wir warten darauf unsere Jungen und Mädchen in Empfang nehmen zu können. Ich sehe meinen Sohn schon von Weitem. Er erkennt mich und kommt auf mich zugelaufen, die Kleine Schwester auf ihren kürzeren Beinen direkt dahinter. Mir geht das Herz auf und ich freue mich sie jetzt wieder bei mir zu haben.

Gemeinsam machen wir uns auf den Heimweg. In meinem grenzenlosen Optimismus denke ich, ich mache den Kindern eine Freude, wenn wir an der Ponywiese vorbei gehen. Pustekuchen! Mein Sohn quittiert diese Idee mit wütendem Stampfen und lautstarkem Protest. Immer noch gut gelaunt, frage ich, wo er denn gerne lang laufen würde und bin mit seinem Vorschlag einverstanden, auch wenn es die weniger schöne Strecke ist. Die Tochter im Tragetuch, den Sohn an der Hand mache ich mich nun auf den Heimweg. Nach den ersten paar Metern reißt mein Sohn sich von meiner Hand los und rennt vor. Prinzipiell kein Problem, er kennt die Strecke und wenn er nicht an meiner Hand laufen will, ist das auch kein Problem. Ich bitte ihn auf den Verkehr zu achten und in meinem Blickfeld zu bleiben. “Nö!” Seine Lieblingsantwort momentan. Ich betone noch einmal, dass er bitte auf die Autos achten soll. Ich merke, wie meine Stimmung sinkt. Auf dem restlichen Weg rufe ich mehrmals seinen Namen, weil der Herr mit seinen Gedanken bei jedem Stock und jedem Stein ist, nur nicht bei dem Verkehr um ihn herum.

Zuhause angekommen verschwindet er sofort im Wohnzimmer und ich höre wie die Flimmerkiste angeht. Ich verdrehe innerlich die Augen, frage ihn aber ruhig, ob er nicht lieber mit uns in den Garten möchte. “Nö!” Seine Schwester lässt sich anstecken und fängt an zu jallern und zu nörgeln. Ich stehe mit der Straßenmalkreide in der Küche und hatte mir unseren Tag irgendwie anders vorgestellt. Ich merke, wie genervt und gereizt ich bin. Die Enttäuschung wiegt schwer. Ich lasse sie also gewähren und bereite das Abendessen zu während beide fernsehen. Aber auch das habe ich nicht zu der Zufriedenheit meines Sohnes gekocht. Ich habe die falschen Nudeln ausgesucht. Irgendwie ist der Wurm drin. Meine eigenen Vorstellungen und Wünsche kollidieren mit der Wirklichkeit und als es dann einen erneuten Wutanfall gibt, weil der richtige Schlafanzug nicht sauber ist, ist auch meine Grenze erreicht.

Ein Fauchen, er solle sich jetzt einfach umziehen, endet in lautem, wütenden Geschrei. Ich brülle: ” Warum kannst du nicht einmal hören? Wieso muss immer alles nach deiner Nase gehen?”. Ich bin so wütend, darüber, dass nichts so gelaufen ist wie ich es wollte, darüber, dass mein Sohn vermeintlich alles torpediert hat, dass meine Erwartungen an mich selbst vielleicht zu groß waren und ich sie nicht erfüllen konnte.

Und während ich über mein erschrockenes Kind gebeugt dastehe, den Finger erhoben, immernoch leere Drohungen und Strafen keifend, habe ich Angst vor mir selbst. Ich fange an zu weinen, weil ich den Gedanken nicht ertragen kann, dass mein Kind mein wutverzerrtes Gesicht in Erinnerung behält. Ich gehe auf die Knie, nehme meine Kinder in die Arme und bitte um Verzeihung. Ich sage, dass ich furchtbar traurig bin und das ich einen Fehler gemacht habe. Einen großen Fehler. Denn ich bin auch nur ein Mensch. Kein Roboter. Ich kann nicht immer nur funktionieren. Und ehrlich gesagt möchte ich das auch nicht.

An manchen Tagen wird es einfach zu viel. Auch eine Mutter kann nicht immer ein Fels sein. Die wahre Stärke liegt darin seine Fehler zu erkennen und dazu zu stehen. Authentisch sein. Sein eigenes Verhalten reflektieren und daraus lernen. Ja, meine Kinder haben auch meine schwachen Seiten gesehen. Ja, meine Kinder haben mir Trost gespendet, denn sie wissen, dass es OK ist, wenn man mal weint und traurig ist. Sie wissen, es tut gut zu trösten und in den Arm zu nehmen. Sie nehmen meine Gefühle genauso ernst wie ich ihre. Empathie und Mitgefühl. Zwei Eigenschaften, die wir leben und weitergeben.

Kennt ihr diese Tage? An denen einfach alles schief geht? An denen eure Nerven blank liegen und man in ungewollte Muster verfällt.

Liebe Grüße

Denise