Tabuthema Geburtstrauma

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Die Geburt des eigenen Kindes – für viele Mütter der schönste Tag ihres Lebens. Doch was ist eigentlich, wenn es das nicht ist? Wenn die Erinnerung an diesen Tag schlimme Gefühle in einer Mutter weckt. Darf das überhaupt sein?
Es gibt nicht viele Tabuthemen, was das Kinder kriegen und haben angeht. Quasi zu allen Fragen bekommt man mehr oder weniger freiwillig eine Meinung gesagt, gut gemeinte Ratschläge prasseln auf einen ein, manchmal werden auch unangebrachte Fragen gestellt. Doch über eine Sache möchte kaum jemand sprechen: wenn die Mutter unter ihrem Geburtserlebnis leidet. Eine frisch gebackene Mutter ist glücklich, müde und erschöpft, aber glücklich. Tabuthema Geburtstrauma.
Ein Kind auf die Welt zu bringen ist immer ein einschneidendes Erlebnis, das eine Frau beschäftigt. Es ist überwältigend und wunderschön. Manchmal ist es aber auch sehr beängstigend. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Die Geburt unserer Tochter verlief nicht so, wie wir es erwartet und uns gewünscht hatten. Nach einem spontanen Beginn gab es plötzlich Komplikationen. Die Geburt unserer Tochter endete im OP-Saal bei einem ungeplanten Kaiserschnitt. Es gab eine Menge Hektik, aber schließlich ging es uns allen gut. Hier muss ich erwähnen, dass das gesamte Team, das uns während der Geburt betreute, sehr liebevoll und einfühlsam mit uns umging, auch mit meinem Mann. Ich fühlte mich trotz der Anspannung und plötzlichen Hektik sehr geborgen und gesehen. Niemand hat etwas über meinen Kopf hinweg entschieden.
Unsere Tochter ist gesund und munter und hatte nach ein paar anfänglichen zusätzlichen Untersuchungen im Krankenhaus keine Auffälligkeiten mehr. Die ersten Tage mit ihr im Krankenhaus waren für mich gefüllt mit dem Kennenlernen dieses kleinen Zauberwesens. Ich war im Hormonrausch, ich war glücklich, ich war verliebt in unsere kleine Familie.
Die Traurigkeit kam langsam und schleppend. Irgendwann fingen die Träume an, aus denen ich aufwachte und mein Bett absuchte, weil ich überzeugt davon war, dass alles voll mit Blut sein müsste. Auf einmal kamen diese Gedanken und Zweifel, nicht gut genug gewesen zu sein. Es nicht richtig geschafft zu haben. Jedes Mal, wenn ich das Krankenhaus sah, in dem unsere Tochter geboren ist, kamen mir die Tränen. Und ich sehe es jeden Tag, da wir nur wenige Minuten zu Fuß entfernt wohnen. Ich sah diese Narbe auf meinem Bauch, von der ich jeden Tag Angst hatte, dass sie aufgehen und ich einfach in der Mitte zerbrechen würde, obwohl ich genau wusste, dass das nicht passieren kann. Ich traute mich nicht, die Kaiserschnittnarbe anzufassen, ich hatte noch Wochen später starke Schmerzen rund um die Narbe. Ich konnte nicht über die Geburt unserer Tochter nachdenken, geschweige denn sprechen, ohne zu weinen. Ich habe am Anfang auch wenig darüber gesprochen, und wenn dann nur oberflächlich.
Und niemand verstand es. Ich kann es niemandem übelnehmen, denn so richtig habe ich diesen Schmerz selbst niemals verstanden. Er war einfach da, saß tief in meinem Bauch und war manchmal kleiner und manchmal größer. Vor allem an den Tagen, an denen er größer war, hat meine Tochter sehr viel geschrien. Damals wussten wir nicht, warum sie weint. Wir gingen von Anpassungsstörungen aus, die doch so viele Neugeborene durchmachen. Erst später erkannte ich den Zusammenhang mit meiner eigenen Traurigkeit. Unsere Tochter hat wohl mehr verstanden, als alle anderen. Ich bin überzeugt davon, dass sie meine Traurigkeit gespürt und gespiegelt hat. Denn als es mir besser ging, hörte auch ihr verzweifeltes Schreien auf. Sie war meine einzige Verbündete in meinem Schmerz. Vielleicht, weil wir ihn bei der Geburt gemeinsam durchmachten.
Es gab in der ersten Zeit nach der Geburt einige Gespräche mit Verwandten und Freunden, die mir damals sehr weh taten und die mich immer weiter in meinen Schmerz trieben. Dazu gehörte z.B. der Bericht über eine Kollegin, deren Baby viel schwerer war als meines, und die es trotzdem geschafft hat, normal zu entbinden. „Da kann der Papa aber stolz auf sie sein“. Oder die Aussage einer kinderlosen Freundin, dass zu einer richtigen Geburt auch richtige Wehen gehören – sie konnte damals nicht wissen, dass ich vor der OP in „richtigen“ Wehen lag, hatte ich ja nichts darüber erzählt. Viele kleine Sätze, die viele kleine Narben hinterließen. Heute weiß ich, dass ich damals einfach darüber hätte sprechen sollen. Ich hätte genau diesen Leuten erklären können, wie es mir geht und wie ihre Aussagen in diesem Moment bei mir ankamen. Doch ich befand mich so in meiner Schmerzspirale, dass es mir unmöglich schien. Tabuthema Geburtstrauma.
Ich habe ein paar Versuche gemacht, über meinen Schmerz zu sprechen. Und bin immer auf Unverständnis gestoßen. Die Geburt ist doch jetzt vorbei, es ist abgehakt, sei doch einfach froh, dass ihr alle gesund seid. Natürlich bin ich froh und dankbar darüber. Und trotzdem habe ich meine Zeit gebraucht, um zu trauern. Ich musste über den Verlust der Geburt trauern, die ich hätte haben können, und erst lernen, die Geburt als Geburt anzunehmen, die ich hatte. Die Narbe auf meinem Bauch wird mich für den Rest meines Lebens daran erinnern, sie ist ein Teil von mir. Ich musste darüber trauern, dass ich plötzlich alle Kontrolle über das Leben meiner Tochter verloren hatte, obwohl ich sie noch in meinem Bauch trug und damit – meiner damaligen Meinung nach – die alleinige Verantwortung für sie trug. Ich musste darüber trauern, dass mir mein Bauch aufgeschnitten wurde, nachdem ich nur wenige Minuten hatte, um mich darauf vorzubereiten. Ich musste darüber trauern, dass unsere Tochter einen schwierigen Start ins Leben hatte, obwohl ich mir nur das Beste für sie wünschte, seitdem ich die beiden Striche auf dem positiven Schwangerschaftstest gesehen hatte. Als Mutter möchte man sein Kind immer und in jeder Situation beschützen und allen Schaden von ihm fern halten. Es fiel mir unendlich schwer, zu akzeptieren, dass ich es bei ihrer Geburt nicht in meiner Hand hatte.
Was hat mir nun aus meinem Schmerz geholfen?
Oft sagt man „Die Zeit heilt alle Wunden“, aber in meinem Fall war es nicht so. Im Gegenteil, mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Ich denke, jede Mama muss ihr Geburtserlebnis verarbeiten, das ist ganz normal. Wenn es einen aber auch nach Monaten nicht los lässt und man keinen Weg aus seinem Schmerz findet, muss man etwas tun. Und so habe ich, als unsere Tochter ca. vier Monate alt war, im Krankenhaus angerufen und einen Termin mit dem Arzt gemacht, der uns bei der Geburt begleitet hat. Ich hatte mich lange nicht getraut und hatte überlegt, einfach schriftlich den Geburtsbericht anzufordern. Viele Mütter wissen nicht, dass das möglich ist. Die Krankenhäuser handhaben es alle ein bisschen unterschiedlich, manche versenden eine Kopie des Berichtes mit der Post, andere geben den Bericht nur raus, wenn man ihn persönlich abholt. In manchen Krankenhäusern kann man direkt einen Termin ausmachen, um den Bericht gemeinsam durchzusprechen, so wie in unserem Fall.
Ich war sehr nervös vor diesem Termin. Schon alleine wieder auf der Geburtsstation zu sein, bereitete mir ein komisches Gefühl. Und trotzdem hätte ich nichts Besseres tun können. Auch an dieser Stelle muss ich nochmal den Arzt loben, denn er hat sich sehr viel Zeit genommen, ist alles mit mir durchgegangen und hat alle meine Fragen beantwortet. In diesem Gespräch ist mir bewusst geworden, dass der ungeplante Kaiserschnitt ein Geschenk war. Ein Geschenk, ohne das unsere Tochter jetzt wahrscheinlich nicht so gesund wäre, wie sie es ist. Dieses Gespräch und den Ort, an dem alles passiert ist, nochmal zu besuchen, waren sehr heilsam für mich. Ich kann es jeder Mama, der es ähnlich geht, nur ans Herz legen.
Und – ganz banal – das Stillen hat mir geholfen. Dachte ich doch lange, mein Körper hätte bei der Geburt versagt. Ich weiß nun, dass das nicht so ist. Mein Körper ernährt mein Baby immernoch, auch acht Monate nach der Geburt. Mein Körper gibt meinem Baby die Kraft, die Welt zu entdecken und sich jeden Tag ein bisschen weiter zu entwickeln.
Wie geht es euch mit euren Geburtserlebnissen? Habt ihr Erfahrungen und Tipps, wie ihr schwierige Erlebnisse verarbeiten konntet?
Liebe Grüße
Eure Laura