Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen- so sagt ein afrikanisches Sprichwort. Und auch ich sehe das so, denn so kannte ich das.

…Beim Frühstück schon wandert der Blick nach draußen, denn die Vögel zwitschern so verlockend, als würden sie rufen “ komm raus & Spiel mit uns“ – gesagt,getan. Draußen hängt die Mama die Wäsche auf, während eine handvoll rüstige Rentnerinnen einen Blick auf das kleine Krabbelwesen werfen. Bei der Tante im zweihundert Seelendorf eine Hunderunde über 2 Stunden durch Wald und Feld, immer dieselbe beigebrachte wohlgemerkt  & die immer selben Nachbarn bilden die grüßenden Checkpoints und Highlights. Der Tante 10 km entgegen trampen,  weil man sich das so in den Kopf gesetzt hat kein Problem,  jeden zweiten Autofahrer kennt man ja schließlich. Bei der Cousine Sommerurlaub machen, um aus dem tristen Grau des einen Bundeslandes in das bezaubernd, grüne des anderen zu entfliehen. ..am Ende hat man Traktor fahren, Kühe treiben und ähnliches so ganz nebenbei gelernt.
Die Augen der Familienmitglieder ruhten ja trotz oder eben wegen des Teenie- Sturm- und -Drang – Alters auf einem … – das war meine Kindheit. Richtig perfekt dahingehend.

Was aber, wenn das Dorf gänzlich fehlt ?!
Was aber, wenn Mama und Papa auf sich allein gestellt sind?
Was aber, wenn das Wort „Familie“ nur 3 Menschen, anstatt 30 beschreibt?

Die Kindheit meines Sohn sieht diesbezüglich ganz anders und eher traurig aus….:
Mama hat 1,5 Jahre Elternzeit genommen, leider gezwungenermaßen wegen früher fehlendem Kitaplatz und Papa hat seine zwei Monate kurz nach der Geburt genommen, um diese unwiederbringliche Anfangszeit zu genießen und Mama zu unterstützen in dieser neuen Situation. Wenn man nun ganz päpstlich und ehrlich ist, wäre an diesem Punkt unsere Aufzählung vorbei . Haben wir keine Familien fragt man sich ? Und wo die Freunde ?

Ja also das ist folgendermaßen : Oma und Stiefopa mütterlicherseits wohnen über 500km weit weg in der Kölner Karnevalshochburg, zum biologischen Opa besteht kein Kontakt. Oma und Opa väterlicherseits wohnen 200km weit weg in Dresden und gehen beide noch voll arbeiten . Der Bruder des Ehemannes mit Familie in Hannover – 3 Stunden.  Die Tanten des Ehemannes quer in Deutschland verteilt. Cousinen der Mutter alle mit Kind (ern) Haus, Tieren und Jobs mehr als ausgelastet. Eigene Oma eine Stunde entfernt. Und alle richtig guten Freunde  wohnen meist auch nicht ums Eck oder haben selbst ein frisch geschlüpftes Baby ….

Netzwerk für allgemeine Erziehung, Spiel und Spaß ?! Fehlanzeige. …Mein Sohn ist glücklich keine Frage und immer an meiner Seite also nicht  einsam. Aber könnte er glücklicher/reifer / besser entwickelt sein mit großem Netzwerk? ! Die Frage kreist oft im Kopf umher aber was man ändern kann, ist aufs geringste begrenzt. Ehrenamtliche Babysitter zum Glück als Option durch tolle  Institutionen gegeben und mit noch mehr Glück sogar zum tollen Omaersatz geworden ..Aber wie geht es weiter ab Kindergartenstart?  Einschulung?  Pubertät?  Warum ist das heutzutage vielen Kindern nicht vergönnt, so geborgen und umsorgt von allermann aufwachsen zu können?  Mir hat es im Rückblick sehr viel Vertrauen und Stärke vermittelt, selbst entdecken zu können mit dem Wissen immer einen Ansprechpartner zu haben. Ich würde dieses Gefühl auch gern meinem Sohn und späteren Kindern vermitteln & bemühe mich von Herzen .

Aber es ist und bleibt ein Unterschied. Ich wünschte man könnte dieses Netzwerk für jedes Kind irgendwie bereitstellen und hoffe, es kommen wieder Zeiten,  in denen es einfach normal ist, im großen Rudel aufzuwachsen.

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen… Ist es euch vergönnt, auf Familie u Freunde/Bekannte regelmäßig zurück greifen zu können oder seid ihr auch Einzelkämpfer?

Carina