Lasst eure Kinder experimentieren!

matschküche, mit essen spielen

Seit kurzem ist unsere knapp Vierjährige in absoluter Experimentierlaune. Es begann mit der Eröffnung der diesjährigen Balkonsaison: Die ersten paar Tage saß sie im Sandkasten und matschte mit Wasser und Sand. Dann eröffnete sie uns eines nachmittags, sie wolle richtig kochen, aber alleine und im Sand. Nachdem ich ihr eine Schüssel mit Wasser und ihren Löffel gebracht hatte, war die nächste Frage: Was haben wir noch im Haus? Diese Frage wiederholte sich noch ungefähr zwanzig Mal.

Ich brachte dann nach und nach ein Schälchen Salz, Pfeffer, Zucker, Basilikum, Schnittlauch, Petersilie – irgendwann wollte sie dann auch noch Käse, Wurst und Brot. Es gab eine riesige Sauerei.

Von da an wollte sie jeden Tag kochen. Natürlich schoss mir als erstes durch den Kopf: Was für eine Verschwendung von Lebensmitteln! Was, wenn sie das jetzt öfter machen will? Aber dann dachte ich weiter darüber nach. Wieso entscheide ich eigentlich, was Verschwendung ist? Ich, die gerne mal viel länger als nötig unter der Dusche steht, die schnell nochmal unnötigerweise eine Maschine Wäsche anmacht, weil das Lieblingskleidungsstück dreckig ist, obwohl der Kleiderschrank voll mit sauberen Kleidern ist, die keine Lust mehr auf den Rest Nudelsalat hat und ihn dann wegwirft. Da sind die Verschwendungsgründe meiner Tochter durchaus ehrenhafter, denn sie verfolgt nur ein Ziel: Lernen.

Sie führt richtige kleine Versuchsreihen durch: Vermischt verschiedene Dinge, lässt sie mich in einen Kochtopf füllen und erhitzen, in den Backofen stellen, über Nacht in den Gefrierschrank, nur um am nächsten Tag früh morgens aufzustehen, um das Ergebnis zu sehen. Sie registriert, wie sich Konsistenz und Farbe verändern, zieht daraus ihre ganz eigenen Schlüsse und lernt wahrscheinlich mehr als aus jedem Buch. Wenn möglich gebe ich ihr für die Experimente „Abfallprodukte“ wie Kartoffelschalen oder andere Essensreste – allerdings sehe ich es auch nicht so eng, wenn sie dann mal ein gekochtes Ei schält und mit Zimt, Zucker und Apfelsaft mischt, oder ihren Orangensaft mit Milch zusammen schüttet, oder vier verschiedene Päckchen Brausepulver auf einmal auflöst, oder eine Packung Seife auf einmal verbraucht, um den Schaum zu untersuchen.

Auf unserer Erde werden tagtäglich so viele Dinge aus niederen Gründen verschwendet. Für kurze Laufwege werden Autos benutzt, nicht verkaufte Lebensmittel werden weggeworfen. Es geht soweit, dass unzählige Tiere ihr Leben lassen müssen, auf Grund belangloser Tests für irgendwelche noch belangloseren Produkte.

Natürlich backen oder kochen wir die meiste Zeit über genießbare Dinge, was sie absolut liebt. Aber ab und zu möchte sie einfach ganz für sich selber Dinge ausprobieren und dadurch Erfahrungen sammeln. Ich habe sie übrigens nie so zufrieden erlebt, wie als sie einen Stapel benutzte Kaffeepads fein säuberlich über dem Spülbecken aufgerissen, in Tassen gefüllt und mit Wasser vermischt hat. Damit hat sie sich etwa eine Stunde fröhlich singend beschäftigt – wie es rund um das Spülbecken aussah, muss ich glaube ich nicht erwähnen.

Wer an dieser Stelle noch eingreifen möchte und die Meinung vertritt, ein Kind müsse lernen, den Wert einer Sache zu schätzen und früh erfahren, dass nichts verschwendet werden darf, dem sei gesagt: Nein! Nicht in einem Alter, in dem unsere Tochter nur als Beispiel auch noch glaubt, dass die Sparkasse uns so viel Geld gibt, wie wir möchten und die Postboten uns die gelieferten Pakete schenken. Sie hat nicht die leiseste Ahnung davon, dass Wasser knapp werden könnte oder wie viel Miete wir monatlich für unsere Wohnung bezahlen müssen.

Natürlich leben wir im Alltag sparsamen Umgang vor – indem wir, beispielsweise beim Wasser abdrehen erwähnen, dass wir ja kein Wasser verschwenden wollen, oder das Licht ausmachen, wenn wir den Raum verlassen – aber keinesfalls, indem wir sie in ihrem Entdeckungsdrang einschränken.

Lasst Eure Kinder experimentieren, um sich ihre eigene Welt zu erschließen. Und nicht zuletzt sagt man ja, gestillte Bedürfnisse verschwinden. Vielleicht lernt sie gerade dadurch für ihr späteres Leben einen bedachteren Umgang mit den Ressourcen unserer Erde.

Womit experimentieren Eure Kinder denn am liebsten?

Eure Rebekka