Ein Jahr ohne dich (Nachruf)

Trauer bewältigen, Oma, brief an Oma

Trauer bewältigen, Oma, brief an Oma

Es gibt Momente im Leben da werden wir uns unserer eigenen Endlichkeit bewusst. Meist verdrängen wir den Gedanken im Alltag, aber gerade wenn uns ein geliebter Mensch verlässt, wird es uns plötzlich wieder schmerzlich bewusst, dass es so viele Momente gibt, welche man nicht mehr teilen kann. So viele Gespräche die man gerne noch führen würde. Heute möchte ich es mit diesem Brief an meine Oma, dennoch versuchen.

Liebe Oma,

Morgen vor einem Jahr, bist du von uns gegangen. Dennoch bist du nicht weg, du bist da, in Sätzen, an die man sich erinnert fühlt, in Erinnerungen die man hat, wenn man an was bestimmtes denkt und in den Gesprächen die ich manchmal in Gedanken so gerne mit dir führen würde.

Ich hatte Glück, als erster Enkel hatte ich viel Zeit mit dir. Mir war es gegönnt, dass du meinen Schul- und Studienabschluss, meine Hochzeit und die Geburten und Taufen deiner Urenkel miterleben konntest. Dafür bin ich sehr dankbar. Dankbar meinen Kindern einmal Fotos zeigen zu können, auf denen du sie auf dem Arm hältst. Ich weiß schon genau wie ich beginnen werde: „Schau, das bist du mit deiner Uroma…“ unzählige Geschichten und Erlebnisse, werden auf diesen Satz folgen. Danke, für diese tollen Erinnerungen!

Die Kinder sind so gewachsen im letzten Jahr, haben so viel gelernt und ich bin mir sicher es würde dir Freude bereiten ihr aufgewecktes Geplapper und ihr Lachen zu hören. Es sind zwei ganz wunderbare Mädchen, auch wenn sie uns manchmal wirklich an unsere Grenzen bringen. Wie ruhig du immer geblieben bist, selbst in Zeiten meiner Pubertät in denen ich teilweise wirklich ein großes A*** war. Egal wie launisch, unzufrieden oder wie Hoch die Nase vor lauter Hormonen zum Himmel ragte, du warst da und hattest Verständnis. Ich habe viel von dir gelernt und ertappe mich oft dabei, manche Dinge eben so zu tun wie du sie all die Jahre getan hast.

Heute werden wir zwar noch von den Kindern geweckt, aber ich freue mich auf den Zeitpunkt an dem ich morgens die beiden aus dem Bett „jagen“ kann und sagen: “ Wer feiern kann, kann auch aufstehen“ einfach um ihnen danach zu erzählen wie du mich geweckt hast, wenn ich mal wieder unter der Woche unbedingt weg musste anstatt fürs Abi zu lernen.

Im Alltag finde ich Dich auch oft in den Kindern wieder. Die Große liebt deinen Salatdressing. Die Kleine aß mit Begeisterung die Weihnachtsplätzchen nach deinen Rezepten, welche ich über all die Jahre gesammelt habe und sie den Kindern Stück für Stück weiter geben möchte, wie auch du es bei mir getan hast. Schon das letzte Weihnachten ging ich mit Ihnen Zutaten einkaufen. Die gleichen bunten Perlen die du mir als Kind immer gekauft hast, mit den selben Ausstechformen. Das war mir wichtig, deine Plätzchen durften nicht fehlen.

Du bist nicht weg, zumindest für mich nicht, wir haben uns eben nur eine lange Zeit nicht mehr gesehen. Darum sage ich auch niemals „Adieu“ zu dir, ich sage nur Danke. Danke, dass du auch heute noch da bist, auch wenn es auf eine andere Art ist.

In Liebe

Dein Enkel