Tabuthema Fehlgeburt

Tabuthema Fehlgeburt mama magazin

Wann beginnt neues Leben? Darüber gehen die Meinungen wohl sehr weit auseinander. Als meine erste Schwangerschaft in der siebten Schwangerschaftswoche in einer Fehlgeburt endete, stellte ich mir das erste Mal diese Frage. Für mich war klar, das dies mein Kind ist, es hat gelebt, es war real, ja ich habe es bereits geliebt.  Es gab Menschen in meinem Umfeld,  die mich trösteten, mich ernst nahmen und für mich da waren, aber es gab da auch die Anderen.  Diese Menschen,  die sich nicht vorstellen können,  ihr Herz an ein Wesen zu verlieren,  was für sie nicht richtig greifbar ist. Immer wieder kamen so Worte, wie: das war ja noch kein richtiges Kind. Das ist ein Zellhaufen, du wirst schon noch ein richtiges Baby bekommen.

Aber erst mal auf Anfang.

Es ist der Dienstag nach Ostern, meine Periode kam nicht zum gewohnten Zeitpunkt, ich habe Unterleibskrämpfe und meine Brust spannt.  Ich fühle mich anders als sonst.  Wenn ich in den Spiegel schaue,  strahle ich.

Ich bin mir nicht sicher, doch ich fahre zur Drogerie und besorge einen Schwangerschaftstest. Nach der Durchführung kann ich es kaum glauben. Zwei dicke Streifen entstehen innerhalb von Sekunden.  Ich bin tatsächlich schwanger. Im ersten Moment bin ich wie gelähmt, damit hatte ich nicht wirklich gerechnet.  Ich rufe beim Gynäkologen an und bekomme direkt einen Termin am nächsten Morgen.  Wie ich die Zeit bis dahin verbracht habe,  weiß ich gar nicht mehr.  Meinen jetzigen Mann und damaligen Freund habe ich darüber informiert und auch ihn hat es erst mal aus den Socken gehauen.

Beim Arzt, wurde dann mittels Ultraschall die Schwangerschaft bestätigt.  Gerade in der fünften Schwangerschaftswoche war ich und beim ersten Blick auf diese Fruchthöhle, war es um mich geschehen, ich wurde zur Mutter.

Eine Woche später schlug bereits das Herz und ich bekam mein erstes Bild.  Ich war so voller Vorfreude und fing an alles zu Lesen, was ich über Schwangerschaft,  Mutterschaft und Babys fand.

Doch dann begann die Misere. Mir war nur noch schlecht,  ich konnte nichts mehr drin behalten und  das über den ganzen Tag. Es half nichts, ich musste wieder zum Arzt.  Er diagnostizierte eine Hyperemesis Gravidarum und  verschrieb mir ein Magenpräparat. Ich sollte mir keine Sorgen machen,  dem Kind würde es an nichts fehlen.

3 Tage später hatte ich Schmierblutungen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Als ich meinen Gynäkologen darüber informierte, beruhigte er mich, dass so etwas schon mal vorkomme, er würde schnell mal nachschauen,  was mein Baby macht.

Als ich seinen Gesichtsausdruck sah, wusste ich, dass etwas schlimmes passiert war. Er sagte mir,  dass  ich eine inkomplette Fehlgeburt hatte und ich war völlig geschockt. Das konnte nicht sein, mein Baby lebte vor einer Woche noch, was war passiert,  was hatte ich falsch gemacht.  Ich hörte den Arzt nur etwas von natürliche Auslese reden und dass ich mich einem operativen Eingriff unterziehen müsse, einer sogenannten Abrasio (Ausschabung), um auch alles zu entfernen und  mich gesundheitlich nicht zu gefährden.

In meinem Kopf schwirrt es. Wie sollte ich das meinem Freund beibringen, an der Arbeit müsste ich auch Bescheid geben, denn dort habe ich aufgrund der Einsatzplanung und der Mutterschutzrichtlinien bereits bekanntgegeben, dass ich Nachwuchs erwarte.

Nachdem ich allen Bescheid gegeben hatte und die Abrasio hinter mich gebracht hatte, fiel ich erst mal ins Tal der Tränen.

Es war schlimm, damals definitiv das schlimmste, was ich bis dato erlebt hatte und dann diese Kommentare,  wie:
– Das nächste Mal klappt s bestimmt
– Du bist noch jung und kannst noch viele Kinder kriegen
– sei doch froh, was willst du  jetzt schon mit  einem Kind?

Gott sei Dank gibt es auch noch diese lieben Menschen,  die versuchen sich in meine Situation rein zu versetzen.

Doch gemeinsam haben sie alle etwas, denn nach einiger Zeit ist mein Verlust für alle abgehakt. Ich musste schnell lernen,  mit meinem Schmerz allein klar zu kommen.  Mein Freund war zwar traurig,  aber meine Gefühle waren auch für ihn zu langlebig.

Erst als eine meiner Freundinnen auch ein Baby verlor und ich für sie da war, sagte sie zu mir, wie gut sie mich nun verstehen könne und so reden wir auch heute noch, Jahre später über unsere nie geborenen Kinder unsere Erfahrungen und ob ihr es glaubt oder nicht, wir haben immer mal wieder Frauen in unserem Umfeld,  von denen wir durch Zufall erfahren, dass sie dasselbe Schicksal erleiden mussten wie wir und meist darüber schweigen. Warum sie schweigen? Weil es keiner hören möchte, weil es ein trauriges Thema ist,  weil Leben für jeden zu einem anderen Zeitpunkt beginnt und viele Kommentare dazu einfach nur schmerzen.

Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie reagiert Ihr wenn euch eine Freundin von Ihrem Abort erzählt?

Eure Yvonne