Selbstbestimmung im Alltag

„Ja hast du denn keine Schuhe, Kind? Da bekommst du ja ganz nasse Füße!“ Auf solche und andere Reaktionen darauf, dass meine Kinder bevorzugt Barfuß durchs Leben gehen, antworte ich nicht mehr mit einer Erklärung darüber, dass sie selbst bestimmen ob sie Schuhe tragen möchten oder nicht. Das erntet nur noch verwirrtere Blicke. Ich sage dann etwas wie “ Nein, wir haben nur ein paar Schuhe und heute bin ich dran mit tragen!“ Oder „Ach Mist, ich wusste wir haben etwas vergessen!“

Ich treffe immer wieder auf Unverständnis, wenn ich erkläre, dass meine Kinder selbst entscheiden, ob sie eine Jacke anziehen möchten oder nicht. Ob sie Fernsehen schauen (ich schrieb darüber) oder ob sie ein zweites Eis essen wollen. Wir ernten komische Blicke, manchmal Neugierde, aber am wenigsten wird uns Zuspruch entgegen gebracht – leider!

Der Himmel ist bewölkt, es ist ein wenig windig und man riecht den Regen in der Luft. Wir machen uns auf den Weg zum Kindergarten. Ich gebe meinen Kindern ein kurzes Wetter-Update. Ich persönlich entscheide mich für eine Strickjacke, Tochter und Sohn hingegen möchten ohne Jacke gehen. Sie sagen mir, ihnen sei nicht kalt. Ich lasse sie. Denn wenn ihnen nicht kalt ist, dann ist ihnen nicht kalt. Ich nehme ihre Jacken mit, nur für den Fall…

Sommerregen, es ist angenehm warm draußen, auf der Straße haben sich Pfützen gebildet. Mein Nachwuchs rennt jauchzend durch das Wasser. Spritzt sich nass, springt und tropft mir anschließend den Flur voll. Ich persönlich wäre für Gummistiefel gewesen, die Nachbarin von drei Häuser weiter sicher auch, denn die hat während des Spektakels einen Herzanfall bekommen, während ihre Kinder am Fenster gestanden und zugeschaut haben. Sohn und Tochter wollten aber lieber das Nass an ihren Füßen spüren, schauen wie hoch sie das Wasser treten können und welche Pfütze am tiefsten ist. Kinder sind Sinnesmenschen und wer bin ich, ihnen das zu nehmen? Sie wachsen und lernen durch sinnliche Eindrücke. Möchte ich sie da bremsen oder einschränken? Ganz gewiss nicht!

Wir sind mit einer Freundin in der Stadt verabredet. Das Cafe, in dem wir uns treffen, liegt am Marktplatz und wir können draußen sitzen. Ich habe die Kinder im Auge, die über die freie Fläche jagen. Immer mal wieder kommen sie zum Tisch um einen Schluck zu trinken oder um von ihrem Kuchen zu naschen. Ja, sie sitzen nicht ruhig am Tisch und essen fein ihren Kuchen auf. Ich halte sie nicht fest, bis sie den letzten Krümel in sich hineingestopft haben, obwohl sie vielleicht gar nicht mehr mögen. Es sind Kinder! Sie sind nicht dazu gemacht still zu sitzen. Sie müssen sich bewegen, müssen laufen und rennen. So lernen sie, so entdecken sie nicht nur ihr Umfeld, sondern auch sich selbst. Loten ihren Körper und ihren Geist immer wieder neu aus. Stecken ihre Grenzen jeden Tag aufs Neue.

Ja, ich persönlich würde vielleicht viele Entscheidungen anders treffen. Aber ich bin ich und ich kann nicht für mein Kind entscheiden. Ich kann mich nicht über seinen Willen hinwegsetzen und seine Wünsche übergehen. Solange nicht ihre Gesundheit oder ihr Leben in Gefahr ist, schreite ich nicht ein und nutze meine „überlegene“ Position aus. Selbst dann begleite ich sie erklärend und verständnisvoll, anstatt sie vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Kinder sind Persönlichkeiten, sind Individuen, die ernst zu nehmen sind und nichts, über das wir bestimmen können, nur weil sie noch nicht erwachsen sind. Sie sind mit allem ausgestattet was sie brauchen! Wir müssen nichts aus ihnen machen, sie sind bereits! Sie sind kompetent, sie sind neugierig, aufmerksam und offen. Ich muss nicht an ihnen (er-) ziehen, um sie nach meinen Vorstellungen zu formen. Sie finden ihren eigenen Weg!

Sind eure Kinder auch Pfützenspringer ?

Erzählt mal!

Alles Liebe
Denise

 

8 Kommentare

  1. hervorragend geschrieben!!!! du spielst alles wieder wofür ich und mein Kind sich stehen. wir dürfen begleiten aber nicht bestimmen!!!!

  2. Haha irgendwie ist meine Tochter auch so…. Nur dass sie auf Mütze, Schuhe etc besteht. Auch wenn ich es evtl für überflüssig halte. Doch auch hier gilt: sie weiß es am besten.
    Nur beim Schlafen – vom ersten Tag an- da kann sie eines gar nicht leiden: eine Decke! Das hat mich die ersten Monate ihres Lebens gebraucht, das zu akzeptieren. Aber sie schläft wunderbar, auch wenn es mich schon beim hinschauen friert.

  3. Oh ja, unser Thema hier. Oft keine Socken, oft keine Schuhe, nur kurze Ärmel und nie Unterhosen. Das Umfeld meiner Räubertochter ist stets irritiert… 😄

  4. Mein Sohn ist gerade 2 geworden und auch so ein Schuh- und Jackenverweigerer. Meistens lasse ich ihn. Letztens kamen wir an einer Pfütze vorbei und er wollte, dass ich ihm die Sandalen ausziehe. Ich wusste erst nicht, warum er sie ausziehen wollte, habe ihm aber beim Ausziehen geholfen. Er ist dann barfuss in der Pfütze rumgepatscht und hatte so eine Freude. Und das Schöne war: alle fremden Menschen um uns herum haben sich mitgefreut! Es kam überraschenderweise kein einziger blöder Kommentar. Wahrscheinlich haben sie seine Freude gesehen und wären am liebsten selbst mit nackten Füßen in die Pfütze gehüpft 🙂

  5. Ja auch wir (inklusive Ich als Mutter) gehen dauernd Barfuß. Wir werden auch oft drauf angesprochen und darauf hingewiesen, das es ja „eklig“ sei, die Füsse werden ja dreckig. Joah, werden sie, aber eklig sind für mich andere Dinge, unter anderem Menschen, die sich überall einmischen.
    Voller Montur werden Kinder auf einen Spielplatz gebracht zum spielen, aber dreckig machen dürfen sie sich nicht zudem sind sie meist so unbeweglich eingepackt, dass sie viele Geräte gar nicht nutzen können!
    Schön geschrieben, wir laufen absolut gerne Barfuss 🙂

  6. Oh wunderbar geschrieben. Junior läuft auch die meiste Zeit barfuss und letztens, als er mal Schuhe trug, fand er eine mega Pfütze die er testen wollte. Mit nicht wasserfesten Schuhen. Für ihn eon riesen Spaß und die Schuhe trockneten tatsächlich wieder.
    Oder als er mit seinen Socken testen wollte wie es ist im Matsch zu sein.
    Für mich wären viele Dinge auch nichts, aber ich bin ich und er ist er.

  7. Genau. Mein Problem ist wenn sie sagt: mich frierst…. aber eine Jacke, Schuhe etc will Sie nicht. Auch wenn sie sich selbst eine ausgesucht hat. Das bringt mich dann zur Verzweiflung. Wenn wir nicht spazieren können weil sie im Kinderwagen oder Fahrradsitz friert und nix anziehen mag.

    Aber tausend Dank für deine Worte ! Sie unterstützen uns in unserem Weg!

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