Brief an mein altes ICH

Brief an mein jüngeres ich

Liebes altes Ich,

manchmal beneide ich dich. Frühs um 6 Uhr denke ich mir, wie es damals war. Ich war so jung, so ungebunden, so unglaublich frei. Die Nächte habe ich im Club durchgetanzt. Den Schlaf ganz easy nachmittags nachgeholt, die Mittagspausen habe ich in Ruhe und Pizza essend verbracht. Ich habe endlose Gespräche mit Freundinnen geführt und nachts die SMS meines Angebeten gelesen.

Ich habe abends ewig lang in Chatprogrammen verbracht, habe Serien Online geschaut und die Zulassungsarbeit geschrieben. Unmengen beim Lieferservice bestellt und allerhand Quatsch gemacht. Das Leben gehörte mir.

Ich war schon ziemlich cool. Zumindest fühlte ich mich so. Aber irgendwie war ich  auch  ziemlich leer.

Ich bin jeden Abend eingeschlafen ohne diese zarten Arme, die meinen Hals umschlingen, oder die Hände, die meine Haare streicheln. Ich bin ohne den Kuss am Morgen von zwei kleinen Räubern aufgewacht.

Jeden Morgen alleine frühstücken, alleine im Auto Lieder singen, das war mein Leben. Aber hey, ich war frei, die Welt gehörte mir.

Alles kommt mit der Zeit, und so kam auch irgendwann der Wandel meines Lebens. Heute frage ich mich, ob ich dich, du ungebundenes Ich, um irgendetwas beneide. Wenn ich ehrlich zu mir bin: Nein, eigentlich so gar nicht. Denn so toll, wie ich es mir einbilde, habe ich vor fünf Jahren auch nicht geschlafen. Zudem konnte ich 24 Jahre so viel schlafen, wie ich wollte und so viel alleine unternehmen, wie ich wollte.

Nach was habe ich mich damals gesehnt? Nach genau dem Gegenteil: Partner, Familie, Gemeinsamkeiten, nie mehr alleine zu sein. Jahrelang rannte ich der Sehnsucht nach Sicherheit hinterher, nach Geborgenheit und dem Gefühl, angekommen zu sein.

Ich glaube DU, mein altes Ich, bist heute sogar richtig stolz auf mich, dass ich all das geschafft habe, was ich mir immer gewünscht und vorgenommen habe.

Nun habe ich alles, was ich damals wollte. Deshalb bin ich froh, dass es dich genau so gab, wie du warst, aber dass ich dich – mein altes Ich – ganz easy durch mein neues Ich abgelöst habe.

Wie ist euer altes ICH denn so? Mögt ihr erzählen?

Liebe Grüße

Dein älteres Ich