Liebe kommt nicht aus der Brust

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“Mein Baby, mein Baby!”, jauchzte ich vor Glück. Voller Freude streckte ich meine Hände nach dem kleinen Bündel Leben aus, das mir die Hebamme gerade überreichte. Glücklich lächelte ich den Vater meiner Tochter an, und glücklich lächelte er zurück. “Endlich habe ich es geschafft!”, dachte ich bei mir. Das lange Warten, die Sorgen und die Schmerzen waren jetzt tausendmal belohnt worden!

“Was für ein Geburtstagsgeschenk!”, sagte der frisch gebackene Vater. Und das war unsere Tochter tatsächlich. Bis zum fünften Tag nach dem errechneten Termin hatte sie mich warten lassen, um genau an Papas Geburtstag zur Welt zu kommen.

“Darf ich sie anlegen?”, fragte ich meine Hebamme. “Natürlich, versuchen Sie es ruhig!”, antwortete diese lächelnd. Meine Tochter fand sofort die Milchquelle und sog kräftig. Ich biss die Zähne zusammen, denn es tat sehr weh. Kaum zu glauben, wie viel Kraft ein Säugling hat! Ich versuchte in den folgenden Tagen, möglichst viel aus meinem Geburtsvorbereitungskurs umzusetzen. Schließlich wollte ich alles so gut wie möglich für mein Baby machen! Bereits am nächsten Morgen ließ ich mir von den Krankenschwestern zeigen, wie ich das Würmchen baden und anziehen musste. “Hoffentlich mache ich das alles richtig!”, sorgte ich mich. “Bei den Schwestern sieht das alles so leicht aus! Und ich weiß nicht einmal, wie ich dieses zerbrechliche Mäuschen in einen Pullover stecken soll!”, dachte ich weiter. Es war Herbst, und in meinem Krankenhaus sind für die kalte Jahreszeit Jüppchen sehr beliebt. Jüppchen sind Stoffjäckchen, die man von vorn über Bauch und Ärmchen stülpt und hinten am Rücken zubindet. Aber ich fühlte mich nicht in der Lage, mein Baby auf den Bauch zu drehen. Viel zu groß waren meine Angst und meine Unsicherheit! “Sie hat ja eine dicke Decke, das wird bestimmt ausreichen!”, entschied ich. Wenn ich mein Baby bei mir im Zimmer hatte, konnte ich nur einschlafen, wenn meine Hand neben ihr im Bettchen lag. In dieser Nacht, ich glaube, es war die zweite Nacht nach ihrer Geburt, wollte das Schlafen nicht klappen. Mein Baby weinte und weinte. “Warum weinst du nur?”, fragte ich verzweifelt mein Baby.

Wo war nur das Mutterfühl, von dem alle Mütter bisher erzählt hatten? “Du wirst ganz automatisch wissen, was dein Baby braucht! Das kommt von ganz alleine!” Wirklich? Und wenn nicht? Ich meine, wo war es denn jetzt? Nein, dieses automatische Gefühl hatte sich bei mir nicht eingestellt. Ich fühlte mich einfach nur traurig und verzweifelt, weil mein Baby weinte und litt. Ich fühlte mich wie ein Versager, weil ich dieses Gefühl nicht hatte! Ich versuchte alles, um sie wieder zufrieden zu machen. Ich prüfte, ob sie Hunger hatte, oder ob sie eine neue Windel brauchte. Aber zum Schluss blieb mir nur der Ausweg, den ich doch unbedingt hatte vermeiden wollen: Ich klingelte nach der Schwester. Zuhause war schließlich auch keine Krankenschwester, nach der ich klingeln könnte. “Sie weint die ganze Zeit und ich weiß nicht warum!”, klagte ich der streng dreinblickenden Schwester mein Leid. Sie nahm mein Baby auf den Arm und meckerte mich an: “Warum hat sie denn kein Jüppchen an?” “Ich habe es nicht hin gekriegt!”, versuchte  ich mich zu verteidigen. “Fassen Sie mal ihr Kind an, wie kalt es ist! Es ist doch kein Wunder, dass sie weint!”, blaffte mich die Krankenschwester an. Bamm. Das war wohl der endgültige Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte! Denn es hätte mir doch selbst auffallen müssen! Wie sollte es erst werden, wenn ich zu Hause ganz alleine war? “Es tut mir so leid, dass ich so eine schlechte Mutter bin!”, weinte ich, während ich mit meinem Baby unter meiner warmen Decke kuschelte. Es schlief nun friedlich.

Später in dieser Nacht ließ ich mir ein Stillhütchen geben, denn das Stillen war mittlerweile unerträglich geworden. “Oh nein, es ist Fütterungszeit!”, dachte ich inzwischen panisch, wenn es wieder so weit war. Viele Tränen rannen über meine Wangen, während ich, die Zähne zusammen beißend, versuchte mein Baby anzulächeln. Es tat einfach nur weh. Und es kam immer noch keine Milch. “Was bin ich nur für eine Mutter, die das Einfachste der Welt nicht hinkriegt?”, fragte ich mich. “Das Kind muss bald mal zunehmen!”, mahnten die Krankenschwestern. “Wir müssen jetzt Glukose geben!” Ich hatte dazu keine Meinung, weil ich einfach nicht mehr wusste, was  richtig war und was nicht. “Ich möchte sie selbst füttern!”, erwiderte ich nur müde.

In der dritten Nacht war das Stillen noch unerträglicher geworden als zuvor. Als ich es nicht mehr aushielt, löste ich mein Baby von meiner Brust. Was ich dann sah, erschreckte mich vollkommen. Das Stillhütchen war voll Blut! “Das ist ja ein tolles Geburtstagsgeschenk.”, dachte ich traurig. Nach dem Wiegen war dann klar, dass die ganzen  Strapazen  nicht einmal etwas genutzt hatten. “Sie hat überhaupt nicht zugenommen!”, sagte die Schwester. “Dann machen sie bitte eine Flasche Premilch zurecht!”, entschied ich erschöpft. Weinend fütterte ich mein Baby. “Wieso klappt es bei jeder anderen, nur bei mir nicht? Was bin ich nur für ein Versager?”

Doch als ich später an diesem Tag die Milch elektrisch abpumpen durfte (und auch Milch kam) und durch die Laserbehandlung meine Brustwarzen schnell abheilten, machte sich schnell Erleichterung in mir breit. Nur das schlechte Gewissen nagte noch oft an mir, weil ich mein Baby nicht stillen konnte. Aber ich liebe mein Baby nicht mehr oder weniger, weil ich nicht gestillt habe, denn (Mutter)Liebe kommt nicht aus der Brust!

Fast drei Jahre ist es her und 100%-igen Frieden habe ich noch nicht. Vor allem, wenn ich höre, wie glücklich andere Mamas beim Stillen sind und wie toll es bei ihnen geklappt hat. Aber es ist für mich kein völliger Weltuntergang mehr. Meine Tochter ist ein neugieriges, schlaues und aufgewecktes Mädchen geworden, und das gibt mir die Gewissheit, dass ich nicht alles falsch gemacht haben kann.

Liebe Grüße

Eure Theresa

Anmerkung: An dieser Stelle ist es uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Autorin mit Ihren Sorgen und Ängsten hier leider alleine gelassen wurde, was schließlich zu einem entmutigtem Abstillen geführt hat. Bei blutigen Brustwarzen, muss nicht sofort abgestillt werden, auch wenn es nicht von Anfang an klappt. Lesen Sie gerne HIER welche Stillmythen es leider noch gibt und wie Sie damit umgehen können.

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