Eingewöhnung ohne Tränen

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Von Anfang an stand für uns fest, dass unsere Tochter erst mit drei Jahren einen Kindergarten besuchen würde. Natürlich bedeutete dies enorme finanzielle Einbußen für uns, doch diesen Preis waren wir bereit zu bezahlen. Die ersten Jahre im Leben eines Kindes sind so kostbar und kommen nie wieder zurück.

Um überhaupt überleben zu können, wollte ich nach zwei Jahren wieder stundenweise anfangen zu arbeiten. Die Betreuung sollte durch die Omas – die zum Glück in unsere Nähe wohnen – abgedeckt werden. Unsere Tochter benötigte von Geburt an sehr viel Nähe – vor allem zu mir. Lange Zeit wurde selbst der Papa nur bedingt akzeptiert. Berührungen von anderen oder auf den Arm von Oma und Opa war unmöglich. Wir achteten ihre Bedürfnisse stets und auch der Rest der Familie versuchte nie, etwas zu erzwingen. Kurz vor dem zweitem Geburtstag machte sie einen gewaltigen Schub und das Betreuen durch die Omas klappte reibungslos – ohne dass sie zuvor jemals von mir getrennt gewesen wäre. Sie vertraute uns, da wir bis dahin immer auf ihre Bedürfnisse geachtet hatten. Im darauffolgendem Jahr wurde sie zunehmend offener, doch alleine bei jemand anderem (ausgenommen der Omas) war immer noch undenkbar. Sobald viele Menschen um uns herum waren, blieb sie an meiner Hand, besonders anderen Kindern gegenüber war sie sehr kritisch. Dennoch verfolgten wir weiter unseren Plan, sie mit drei Jahren im Kindergarten einzugewöhnen. Leider gestaltete sich die Platzsuche schwierig, da die meisten Kindergärten mittlerweile eine Krippe haben und die Krippenkinder Vorrang bei den Ü3 Plätzen haben. Nur ein einziger Kindergarten – ohne Krippe – bot uns einen Platz an. Als wir uns den Kindergarten zu dritt ansahen wirkte er gut, man versprach uns eine sehr individuelle, langsame Eingewöhnung in Anlehnung an das Berliner Modell. Da die Omas auch weiterhin die Betreuung abdecken würden und ich meine Stundenzahl zunächst nicht erhöhen wollte, standen wir unter keinerlei Druck von außen – so dachten wir zumindest, denn was daraufhin folgte, sollte uns noch einige Zeit nachhängen. Am ersten Kindergartentag kümmerte sich keine der beiden Erzieherinnen um uns – man wolle uns erst mal in Ruhe ankommen lassen. Am nächsten Tag saßen beide Erzieherinnen den kompletten Vormittag an einem Tisch und führten Privatgespräche, ich saß mit meiner Tochter und anderen Kindern knetend an einem Tisch. Am dritten Tag bat ich darum, dass die Erzieherinnen doch bitte mal Kontakt zu unserer Tochter aufnehmen. Nachdem ich wieder etwa eine Stunde alleine mit einigen Kindern gespielt hatte, stand dann plötzlich eine Erzieherin hinter meiner Tochter und sagte: „So, jetzt spiele ich mit dir und die Mama geht weg!“ Natürlich fing unsere Tochter an zu weinen und klammerte sich an mir fest. Wir wurden direkt heimgeschickt. Am nächsten Tag bat ich darum, dass man sich doch erst mal mit meiner Tochter beschäftigen und mich nicht direkt wegschicken sollte, ohne dass sie überhaupt jemanden kennt. Daraufhin wurde mir gesagt, man könne keinen Kontakt aufbauen, so lange ich da sei. Die anderen Eltern würden einfach die weinenden Kinder in die Arme der Erzieher geben und gehen. Durch das anschließende Trösten würde dann eine Eingewöhnung stattfinden. Nachdem ich sagte, dass es so etwas bei uns nicht geben wird, wurde ich sofort an die Chefin verwiesen. Dergleichen habe man noch nie erlebt und man könne uns so nicht helfen. Ich war so fertig, dass ich unsere Tochter packte und weinend mit ihr heimging. Ich fühlte mich wie eine absolute Versagerin, obwohl ich im inneren natürlich wusste, richtig gehandelt zu haben. Mein Mann vereinbarte sofort einen Gesprächstermin mit der Chefin, der allerdings nicht besonders erfolgreich war. Auch die Chefin meinte, ohne Tränen gehe es nicht und wir merkten, dass wir bereits als absolute Sonderlinge abgestempelt worden waren. Nach einigen schlaflosen Nächten sprachen wir mit den Omas, mit unserem Chef und kündigten den Platz. Wir beschlossen unserer Tochter ein weiteres Jahr zu Hause zu schenken und wollten fürs Erste nichts mehr von Kindergärten hören.

So verging ein weiteres Jahr, in dem unsere Tochter ihren völlig eigenen Tagesrhythmus haben konnte. Wir gingen einmal in der Woche zum Kinderturnen, trafen uns mit befreundeten Eltern und besuchten viele Veranstaltungen, damit sie im Kontakt mit anderen Kindern sicherer wurde. Um den vierten Geburtstag herum kam wieder ein riesiger Entwicklungsschub. Nach diesem war sie plötzlich komplett Trocken und zog sich alleine an und aus. Scheinbar hatten ihr diese Fähigkeiten zur endgültigen Trennung von ihren Bezugspersonen gefehlt, denn plötzlich war es kein Problem mehr, bei anderen, bekannten Menschen, alleine zu bleiben. Nur leider hatten wir immer noch keinen geeigneten Kindergartenplatz. Wie es der Zufall so wollte, wurde in unserem Wunschkindergarten durch Umzug eines Kindes ein Platz frei. Wir sahen uns den Kindergarten an und hatten gleich ein gutes Gefühl. Sowohl der Chef, als auch alle Mitarbeiter waren nett und wirkten ehrlich bemüht und motiviert. Nachdem wir uns für den Platz entschieden hatten, bekam ich sogar nochmal eine Einladung zu einer Besprechung der Eingewöhnung. Die zukünftige Bezugsbetreuerin war mir auf Anhieb sympathisch. Sie erstellte mit meinen Informationen eine Art Biographie unserer Tochter und hatte direkt einen Eingewöhnungsplan für 4 (!) Wochen erstellt. Nach diesem Gespräch erwartete ich den Kindergartenstart direkt freudig. Was soll ich sagen: Am ersten Tag betrat ich mit unserer Tochter ihre Gruppe, ihre Bezugsbetreuerin nahm uns freudestrahlend in Empfang und unsere Tochter ging sofort – ohne einen Blick zu mir zurück zu werfen – mit. Ich war völlig abgeschrieben, saß in der Ecke und las. Nach einer Stunde durften wir gehen. Der nächste Tag lief ebenso ab. Ich war wie befreit. Beide Erzieherinnen waren dermaßen lieb und emphatisch im Umgang mit den Kindern und unsere Bezugsbetreuerin kümmerte sich die ganze Zeit um unsere Tochter. Daraufhin konnte unsere Tochter bereits ab Tag drei für eine Stunde alleine bleiben.

Ich merke, dass nun genau der richtige Zeitpunkt für den Kindergarten gekommen ist und unsere Tochter richtig stolz darauf ist, ein Kindergartenkind zu sein. Die Erzieherinnen schwärmen von der leichten Eingewöhnung, wobei dies zum größten Teil ja auch an ihrer guten Organisation lag. Ich bin so froh, diesen Weg gegangen zu sein. Hätten wir den Kindergartenstart vor einem Jahr erzwungen, wäre keiner von uns glücklich gewesen. Durch unser Eingehen auf die Bedürfnisse unserer Tochter, hat sie gelernt, dass sie uns vertrauen kann und wir sie niemals zu etwas zwingen werden. Nun ist sie ein fröhliches Kindergartenkind, dass sich am Abend schon wieder auf den nächsten Morgen freut. Ich kann wirklich nur allen Eltern raten, ihrem inneren Gefühl zu vertrauen und nicht den Aussagen des Umfeldes.

Es geht schließlich um unsere Kinder und wir Eltern sollten entscheiden, was das Richtige ist. Natürlich ist der richtige Zeitpunkt für den Kindergartenstart bei jedem Kind individuell und einige Eltern können ihr Kind vielleicht wirklich nicht drei oder sogar vier Jahre zu Hause lassen, aber kein Kind sollte weinen müssen, wenn es in den Kindergarten geht. Ich bin davon überzeugt, dass der richtige Zeitpunkt und eine gute Eingewöhnung zu einem Kindergarteneinstieg ohne Tränen führen.

Vielleicht mögt Ihr von Euren Erfahren zum Thema Eingewöhnung berichten, ich würde mich freuen!

Alles Liebe

Eure Rebekka