Loslassen

Als Eltern hat man immer mit dem Thema Loslassen zu tun. Schließlich wünscht sich jeder ein selbständiges Kind, das irgendwann einmal auf eigenen Beinen stehen wird. In unserer Gesellschaft kann dies nicht früh genug passieren: Wie schnell gilt ein Kind als “Mamakind”, welches noch an “Mamas Rockzipfel hängt”. Eine Mutter wird als “Übermutter” bezeichnet, die sich nicht von ihrem Kind trennen kann. Wie ist es aber, wenn das Kind einfach ein bisschen mehr Zeit braucht?

Unsere Vierjährige war seit jeher ein sehr nähebedürftiges Kind. Außerhalb der gewohnten vier Wände durfte ich mich keinen halben Meter von ihr entfernen. Sie hatte einen großen Entdeckerdrang und wollte alles ausprobieren – allerdings immer mit mir zusammen. So fuhr ich auch nach drei Jahren immer noch mit auf dem Kinderkarussell und stand beim Rutschen auf dem Spielplatz stets in ihrer Nähe.

Ich selber bin aus meiner Kindheit durch Sprüche, wie: „Du bist doch schon so groß, das musst du alleine schaffen“ geprägt worden, die mir leider überhaupt nicht halfen, sondern eher dazu führten, dass ich viele Sachen einfach gar nicht ausprobierte und sehr verschlossen war. Aus diesem Grund war für mich immer klar, dass unsere Tochter die Begleitung bekommt, die sie benötigt – so lange, wie nötig! Auch wenn mir manches Mal Sätze wie oben genannt auf der Zunge lagen, habe ich sie nie ausgesprochen. Ich bin zum hundertsten Mal gemeinsam mit ihr Karussell gefahren, saß auf dem Spielplatz neben ihr und gab ihr das gewünschte Gefühl der Sicherheit. Wir versuchten, möglichst wiederkehrende Aktivitäten mit ihr zu unternehmen, wie beispielsweise einmal wöchentlich Kinderturnen, Kinderfeste mit ähnlichem Programm, Treffen mit gewohnten Bekannten, so dass sie langsam aber sicher immer offener wurde. Um ihren vierten Geburtstag herum machte sie einen wahnsinnigen Entwicklungsschub, so dass auch der Start in den Kindergarten nun problemlos klappte.

Plötzlich erkenne ich unsere Tochter kaum wieder. Konnte sie vorher bei Spaziergängen kaum meine Hand loslassen, rennt sie plötzlich Meterweit voraus. Auf dem Spielplatz fordert sie uns auf, am Rand stehen zu bleiben und im Treppenhaus möchte sie die steile Treppe alleine bewältigen. Nie hätte ich gedacht, dass ich unsere Tochter beim Einkaufen einmal dazu auffordern muss, bitte zu warten, weil sie schon Richtung Ausgang läuft. Für mich ist dieses ungewohnte Verhalten eine regelrechte Gratwanderung, denn ich freue mich über die neue Selbstständigkeit und möchte diese so wenig wie möglich einschränken, dennoch gibt es natürlich Situationen, die unsere Tochter noch nicht abschätzen kann. Es fällt mir schwer, zu sagen, dass sie nicht zu weit vorlaufen soll, da ich einfach so froh bin, dass sie sich überhaupt von mir entfernt. So bringt jede neue Phase auch neue Konflikte mit sich.

Dadurch, dass ich vier Jahre lang sehr stark von unserer Tochter gefordert wurde, muss ich meine neu gewonnen „Freiheit“ erst einmal realisieren und mich daran gewöhnen, sie los zu lassen. Ich bin sehr stolz darauf, dass sie diese Selbständigkeit ganz alleine erlangt hat und nun so ein offenes, selbstbewusstes Kind ist.

Wie ist das bei Euren Kindern?

Alles Liebe

Eure Rebekka

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