Verwöhntes Kind? Na klar!

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Jedes Elternpaar, das sein Baby oder Kind besonders umsorgt, hat sicher aus der Elterngeneration schon mal den “Vorwurf” gehört: “Du verwöhnst ihn/sie viel zu sehr.”

Ich finde es erstaunlich, dass sich hier fast alle über 50jährigen einig sind. Woher kommt das? Hat man sie noch mit besonderer “Härte” erzogen? Ihre Eltern waren schließlich die Generation, die während des zweiten Weltkriegs geboren und erzogen wurden bzw. kurz danach. Damals stand eine liebevolle und sichere Eltern – Kind – Beziehung wohl kaum im Fokus.

Schauen wir uns einmal das Wort verwöhnen in seiner Bedeutung an. Der Duden meint hierzu:
1. Jemanden durch zu große Fürsorge und Nachgiebigkeit in einer für ihn nachteiligen Weise daran gewöhnen, dass ihm jeder Wunsch erfüllt wird

und

2. Durch besondere Aufmerksamkeit, Zuwendung dafür sorgen, dass sich jemand wohlfühlt.

Ersteres hört sich für mich recht wertend und eher negativ an, zweitens klingt deutlich positiver. Wenn ich diese Bedeutung in Bezug auf mein Kind anwende – was ist daran schlimm?
Ich möchte, dass es sich wohl fühlt, ich möchte, dass es besondere Aufmerksamkeit bekommt, eben weil es (m)ein Kind ist und Liebe und Fürsorge braucht, um zu wachsen.

Meinen Partner verwöhne ich doch auch, weil ich möchte, dass er sich gut fühlt. Geburtstagswünsche beinhalten meist ein “…lass Dich schön verwöhnen.” und auch die Werbung lockt uns mit immer neuen Artikeln, um uns “selbst zu verwöhnen”. Gab es nicht sogar einen Kaffee mit Verwöhnaroma?

Was also soll falsch daran sein, ein Kind zu verwöhnen? Nichts! Wenn man auch hier genau schaut, was das Kind braucht – mal mehr Körperkontakt, mal mehr Anleitung, mal mehr Freiraum, in dem es selbst wirksam sein kann – dann kann es eigentlich nicht passieren, dass ein Verwöhnen im Sinne der ersten Bedeutung im Duden geschieht.

Und wie oben schon erwähnt, ist diese Bedeutung für mich recht fragwürdig. Was ist denn eine zu große Fürsorge? Wann ist es “nachteilig”, sich daran zu gewöhnen, dass einem jeder Wunsch erfüllt wird? Dies ist sowieso ein Idealbild, was vermutlich auch nie erreicht werden kann. Aber träumen selbst wir Erwachsenen nicht auch von einem weniger “müssen” und mehr “wünschen/wollen”?

Natürlich lernt ein Baby auch durch Frustration, aber auch nur auf der Grundlage einer liebevollen, umsorgenden Beziehung zu einer Person.

Oft höre ich auch “Im ersten Lebensjahr kann man ein Baby gar nicht verwöhnen.” Ich denke, das stimmt insofern, als im ersten Lebensjahr eine schnelle Reaktion auf ein vom Baby gefordertes Bedürfnis erfolgen sollte und dies von außen als “verwöhnen” angesehen werden könnte. Diese schnelle Reaktion ist aber nötig, um dem Baby Sicherheit zu vermitteln, die es braucht um sich optimal entwickeln zu können. Aber endet das Bedürfnis nach Sicherheit abrupt mit dem ersten Geburtstag? Ich glaube nicht und so denke ich, dass es völlig ok ist, sein Kind auch nach dem ersten Geburtstag zu verwöhnen- im Sinne von liebevoll auf seine Bedürfnisse eingehen.

Falls Euch also wieder einmal jemand mitteilen möchte, dass ihr Euer Kind verwöhnt, antwortet ihr vielleicht einfach mit einem “Na klar, aus vollem Herzen.”

Eure Anne