Fehlgeburt – Wenn ein Leben zu früh endet Teil 3

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Ich zitterte am ganzen Körper.  Die Geburt war nun überstanden, doch das bekannte Glücksgefühl stellte sich nicht ein. Das Bewusstsein, gerade ein totes Kind geboren zu haben wurde immer realer.

Die Hebamme fragte uns, ob wir unser Kind sehen wollten. Ich hatte nicht einen Moment daran gezweifelt,  dass ich mein Kind sehen und berühren wollte und doch fühlte ich plötzlich eine unbestimmte Angst vor dem, was ich sehen würde.

Ich konnte und wollte dennoch nicht nein sagen und so legte die Hebamme unser Kind in eine Schale ausgelegt mit einer Einmalunterlage und übergab es uns mit den Worten: ” Es sieht aus wie ein Püppchen.”

Und tatsächlich lag ein perfekter kleiner Mensch vor uns. Die Hebamme fragte uns, wie wir unser Engelchen nennen wollen und mir fiel der Name Henry ein. Mein Mann war sofort einverstanden.

Tatsächlich haben wir einen kleinen Jungen erwartet und schmerzlichst dachte ich daran, wie sehr unser Großer sich über seinen kleinen Bruder gefreut hätte, denn eine Schwester hat er ja bereits.

Die Hebamme wies mich an, dass ich Bescheid geben sollte, wenn ich merke, dass die Blutungen stark werden oder mir nicht gut sei, dann ließ sie uns allein.

Lange Zeit betrachteten wir Henry still. Berührten seine winzigen Hände und Füße,  denn so klein er auch war, so perfekt war er.

Wir trauerten um ihn, machten Fotos von ihm und versuchten jeden Augenblick mit ihm aufzusaugen. Ich merkte wie das Blut anfing zu laufen,  aber ich wollte diesen einen Moment, der mir mit meinem kleinen Sohn blieb einfach nur festhalten und nicht gehen lassen und so schwieg ich solange, bis mir schlecht und schwindelig wurde.

Unsere Hebamme nahm mir sofort meinen Sohn ab und schob mich in den Kreißsaal,  wo meine Vitalwerte und die Blutung kontrolliert wurden. Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass wir kaum eine gemeinsame Stunde hatten. Im Hintergrund hörte ich die Hebamme telefonieren, alles wurde sehr hektisch und plötzlich trug ich ein OP- Hemd und wurde in einen Fahrstuhl geschoben. Es ging also zur Ausschabung.

Ich kann mich nur noch dran erinnern,  wie sie mir eine Maske aufsetzten und ich schrecklich zu Husten begann. Bevor ich mich beruhigen konnte,  war ich schon weg.

Ich war fort, um gefühlt einen kurzen Moment später wieder aufzuwachen. Es war vorbei.

Ich war müde und traurig und als sie mich gegen 20.00 Uhr wieder auf Station schoben, kamen mir bereits mein Mann und die Hebamme entgegen, mit den Worten,  dass ich zumindest über Nacht bleiben müsse,  da ich viel Blut verloren hatte.

Mir war so ziemlich alles egal und so schoben sie mich wieder in das Zimmer mit der alten Dame. Mein Mann blieb noch eine kurze Weile bei mir und fuhr dann nach Hause um seine Eltern mit den Kindern abzulösen und sie ins Bett zu bringen.

Die folgende Nacht war grauenhaft. Mein Bauch war leer, und mein Herz war komplett zerbrochen.  Ich vermisste mein Kind unendlich und es zerriss mich bald. Körperlich war ich ziemlich mitgenommen,  mein Kreislauf sackte immer wieder ab. Ich schlief nicht, meine Gedanken kreisten immer nur um das Geschehene.

Am nächsten Morgen musste ich mich irgendwie aufraffen. Ich versuchte immer wieder aufzustehen, obwohl mir ständig schwarz vor Augen wurde. Aber bis mittags hatte ich mich soweit im Griff, dass ich um meine Entlassung bat. Eine nette Ärztin kam und befürwortete dies, denn Zuhause würde ich schneller wieder fit werden.  Ich durfte meinen Sohn noch einmal sehen und mich verabschieden. Es war ein schlimmer Abschied,  denn es sollte für immer sein. Jedoch hatte Henry sich bereits verändert. Veränderungen,  die der Tod mit sich bringt.

Ich erhielt eine Mappe voller Erinnerungen an Henry, mit Fotos, Hand- und Fußabdrücken  und einer kleinen Urkunde über seine Geburt.

Diese nahm ich mit nach Hause.

Ich weiß,  dass der endgültige Abschied noch kommt, wenn unser Engel beigesetzt wird, doch bis jetzt konnte ich mich noch nicht dazu aufraffen, mich für eine Bestattungsform zu entscheiden.

Neun Wochen nach diesem Schicksalsschlag schöpfe ich viel Kraft aus meiner Familie und versuche soweit ich kann nach vorne zu schauen.

Ich werde diese gemeinsamen 16 Wochen niemals vergessen,  Henry gehört zu uns, egal wie weit fort er auch zu scheinen mag.

Solltet Ihr die ersten beiden Teile noch lesen wollen, diese findet Ihr hier: Teil 1, Teil 2

Liebe Grüße
Yvonne