Bedürfnisorientiert – auch nach dem dritten Lebensjahr

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Bedürfnisorientierter Umgang ,auch bekannt als Attachement Parenting meint zunächst einmal die Förderung der Beziehung zum Kind durch viel Körperkontakt und schneller Erfüllung von Bedürfnissen. In der Gesellschaft wird dies immer noch gerne mit Verwöhnen gleichgesetzt. Warum eigentlich? Und warum ist das Wort verwöhnen bei Kindern so negativ besetzt, wo jeder Erwachsene sich doch gerne verwöhnen lässt? Kinder, die mit Liebe und Aufmerksamkeit verwöhnt werden, geben diese mit Sicherheit auch an ihre Mitmenschen weiter. Der Menschheit würde es sicherlich besser gehen, wenn der gesamte Umgang miteinander bedürfnisorientierter wäre.

Bevor unsere Tochter geboren wurde, haben wir uns keine Gedanken über das Thema „Erziehung“ gemacht. Ich wusste nur, dass das Baby im ersten Jahr bei uns im Schlafzimmer schlafen würde und ich stillen wollte. Da meine Mutter mir erzählte, dass meine Geschwister und ich uns allesamt vor dem ersten Geburtstag abgestillt und auch durchgeschlafen hätten, hatte ich die Themen schon innerlich abgehakt.

Nach der Geburt waren die Bedürfnisse unserer Tochter ganz klar: Sie wollte Körperkontakt, Nahrung und frische Windeln. Es war selbstverständlich, dass sie um dies zu bekommen, nie Schreien musste und wir sofort auf ihre Bedürfnisse reagierten. Da sie sich nicht so einfach vor dem ersten Geburtstag abstillte – von Durchschlafen mal ganz zu schweigen – lief auch anschließend alles weiter wie gewohnt. Mit dem Unterschied, dass sie mobiler wurde, anfing ihre Umwelt aktiv zu erkunden und sich verbal immer mehr mitteilen konnte. Mir erschien es nicht richtig, ihren Tatendrang und ihre kindliche Neugier mit dem Wort „nein“ zu unterbinden, daher schufen wir eine „ja“ Umgebung. Sie durfte in unserer Wohnung alles ausräumen und untersuchen, stieß sie dabei auf „gefährliche“ Dinge, wurden diese gemeinsam untersucht und direkt erklärt, warum sie gefährlich sind. Genau so machten wir es auch unterwegs. Sie durfte bei Spaziergängen Steine, Äste, Pflanzen untersuchen – griff sie zu Müll, erklärten wir, dass dieser in den Mülleimer gehört und entsorgten ihn gemeinsam. Wollte sie irgendwo hochklettern, unterstützten wir sie dabei. Waren wir zu Besuch, fragten wir, ob sie sich dieses oder jenes genauer betrachten dürfe, so dass auch da ihre Neugier befriedigt wurde.

Wirkliche Gefahrensituationen, wie beispielsweise der Straßenverkehr erklärten wir ihr von Beginn an immer wieder, so dass sie nie auf die Idee gekommen wäre, auf die Straße zu laufen.

Auch im Alltag ließen wir sie sehr viel mitbestimmen: Beim Einkaufen durfte sie mit entscheiden, was gekauft wird und auch Dinge für sich einkaufen. Waren wir unterwegs, durfte sie entscheiden, wann nach Hause gefahren wird.

Durch dieses frühe Mitspracherecht gab es selten Wutausbrüche ihrerseits. Wenn sie dann doch mal wütend war und nach uns schlagen wollte, gab ich ihr ein Kissen in die Hand und sagte: „Das Kissen darfst du hauen oder werfen, uns tut es weh.“ Auch eine Kissenschlacht oder ein spielerischer Boxkampf kann helfen, angestaute Wut abzubauen.

Um sicher zu sein, dass sie ihre Bedürfnisse auch in fremder Umgebung gut mitteilen kann, wurde sie vier Jahre zu Hause betreut, bevor sie in den Kindergarten kam.

Nun ist sie viereinhalb und ich habe das Gefühl, sie steht nach der Autonomiephase kurz vor der Zahnlückenpubertät. Oftmals lese ich in Foren von verzweifelten Eltern über dieses Alter. Einige zweifeln, an ihrem bedürfnisorientierten Weg, haben das Gefühl versagt zu haben, da das Kind ja trotzdem nicht „hört“. Darum geht es hier aber auch gar nicht. Kein Kind wird immer „hören“ nur weil der Umgang seiner Eltern bedürfnisorientiert ist. Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass unsere Tochter sich durch den bedürfnisorientierten Umgang und ihr großes Mitspracherecht sehr wertgeschätzt fühlt. Sie hat nicht dauernd das Gefühl, sich gegen etwas auflehnen zu müssen. Natürlich gibt es auch hier Tage, an denen sie gefühlt mit allem unzufrieden ist, doch geht es nicht jedem von uns manchmal so?

Wichtig ist es, auch bei Kindern über drei nicht zu vergessen, dass sie immer noch klein sind. Hilfreich kann es sein, die eigene Sichtweise zu überdenken. Anstelle von: „Aber er/sie ist doch schon so groß, das muss er/sie alleine schaffen“ zu denken: „Er/sie ist doch noch klein und bedarf hier und da meiner Unterstützung.“ Auch ein drei oder vierjähriges Kind darf sich nochmal von Mama oder Papa anziehen lassen oder auf dem Arm getragen werden, wenn es möchte. Gerade in Entwicklungsphasen machen Kinder oft scheinbar nochmal einen Rückschritt, um danach aber plötzlich viel eigenständiger zu werden. Wer hier „durchgreifen“ will und die geforderte Unterstützung ablehnt, wird sicherlich erst recht auf Widerstand stoßen. Ich bin der festen Überzeugung dass jedes Kind selbstständig werden möchte und der Tag, an dem es absolut gar keine Hilfe mehr will, sehr schnell kommen wird.

Nicht zuletzt zählen in einer Familie die Bedürfnisse aller Mitglieder. Ich bin der Meinung, die Bedürfnisse des jüngsten Mitgliedes haben Priorität. Dennoch sollten die Bedürfnisse der Eltern, mit zunehmendem Alter des Kindes, wieder wichtiger werden. So gönne ich mir mittlerweile einmal wöchentlich abends den Gang zum Yoga. Außerdem gehe ich sehr regelmäßig alleine shoppen. Mein Mann hat eine Band, die sich wöchentlich zum Proben trifft und Konzerte spielt. So hat jeder von uns seine kleinen Auszeiten zum Kraft tanken, ohne dass die Bedürfnisse unserer Tochter vernachlässigt werden.

Sie hat sich zu einer starken kleinen Persönlichkeit entwickelt, die überall zu jeder Zeit ihre Meinung äußert und dazu steht. Sie lässt sich von niemandem etwas aufdrängen, was sie nicht möchte. Darüber bin ich besonders froh, da ich dies erst im Erwachsenenalter gelernt habe.

Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Bedürfnis orientiertem Weg? Habt Ihr vielleicht sogar Fragen zu bestimmten Konfliktsituationen? Dann stellt sie gerne in den Kommentaren!

Alles Liebe

Rebekka