Unerzogen – was ist das eigentlich und was bedeutet es für meine Familie?

bedürfnisorientiert

Als mir das erste Mal der Begriff “Unerzogen” als Überschrift begegnete, dachte ich zunächst, es handele sich hierbei um einen Bericht über “ungezogene” Kinder. Ich wollte eigentlich gar nicht weiterlesen, aber die Neugier siegte dann doch – zum Glück. Denn “Unerzogen” meint kurz erklärt nichts anderes, als die Abwesenheit von Erziehung. Leider wird dieser Begriff sehr häufig mit “Vernachlässigung” oder “alle Wünsche erfüllen” gleichgesetzt. Darum geht es hier aber nicht. Vielmehr geht es um die gleichwertige Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Für meinen Mann und mich bedeutet es, dass wir so wenig wie möglich an unserer Tochter “herum manipulieren”. Wir vertrauen darauf, dass sie weiß, was am Besten für sie ist und greifen nur ein, wenn sie es fordert, oder es ihr nicht gut geht. In unserem Leben gibt es so viele natürliche Grenzen, dass wir nicht noch selber welche hinzu erfinden müssen.

Zum besseren Verständnis führe ich ein paar Beispiele an, beginnend erst einmal mit dem Fokus auf der körperlichen Entwicklung:

Unsere Tochter wurde von Anfang an nach Bedarf gestillt. Wir haben keine Beikost nach Plan begonnen, sondern sie selber mit essen lassen, als sie es wollte. Wir haben es akzeptiert, dass sie bis zum zweiten Geburtstag fast ausschließlich gestillt hat und erst danach begonnen hat, größere Mengen fester Nahrung zu sich zu nehmen. Danach wurde die Milch nach und nach weniger, ohne dass ein bewusstes Abstillen stattgefunden hat. Wir haben immer eine große, ausgewogene Bandbreite an Essen angeboten, aus der sie frei wählen konnte. Wenn es ein Eis zum Frühstück sein sollte, war dies kein Problem. Begleitend haben wir Bücher zur gesunden Ernährung vorgelesen und achten selber auf unsere Ernährung. Sie ernährt sich sehr ausgewogen, ohne dass wir ihr Essverhalten beeinflusst haben.

Ebenso handhabten wir es beim Trocken werden. Unsere Tochter konnte sich erst relativ spät von der Windel trennen, war dafür dann aber von einem auf den anderen Tag Trocken. Dies war für uns wieder ein Beweis, dass Kinder einfach selber am Besten wissen, wann der richtige Zeitpunkt für einen neuen Entwicklungsschritt ist. Wir hätten auch vorher schon versuchen können, sie mit Aufklebern oder anderen kleinen Belohnungen in diese Richtung zu drängen, aber wozu? Mein Mann bekommt von mir ja auch keine Aufkleber für gewünschtes Verhalten.

Nun noch zwei Beispiele zur geistigen Entwicklung:

Als unsere Tochter in das Erkundungsalter kam, durfte sie alle Schränke, Schubladen und sonstige Gegenstände ausräumen und erkunden. Wir begleiteten sie dabei und erklärten direkt, wenn etwas gefährlich war. Daher kam sie aber auch nie auf den Gedanken in eine Steckdose zu fassen.

Unsere Tochter hat sehr lange und ausgiebig gerne mit dem Essen gespielt. Sie hat das Essen in die Hände genommen, gematscht, etwas auf den Boden geworfen. Damals haben wir eine abwaschbare Unterlage auf den Boden gelegt, so dass dieser geschützt wurde.

Auch heute noch experimentiert sie gerne mit allen möglichen Flüssigkeiten oder Nahrungsmitteln (Mehl, Kakao, Zucker) herum. Dabei gibt es natürlich sehr viel Sauerei und auch die Kleidung wird mehrmals am Tag nass. Da es uns sehr wichtig ist, sie ihre Erfahrungen sammeln zu lassen, darf sie in der Küche (die zum Glück sehr groß ist) gerne ihre Flüssigkeiten zusammen rühren, wann immer sie möchte.

Allgemein zusammen gefasst kann ich sagen, dass mein Mann, meine Tochter und ich gleichberechtigt zusammen leben. Natürlich gibt es Themen, die sie mit ihren vier Jahren noch nicht überblicken kann, aber bei allen anderen Dingen darf sie genau so mit entscheiden, wie wir auch. Sie bekommt keine Verhaltensweisen von uns anerzogen, sondern allenfalls vorgelebt. Es geht uns sehr gut damit und lustigerweise kann unsere Tochter (beispielsweise im Kindergarten) sehr gut Regeln einhalten.

Natürlich gibt es auch bei uns Konflikte und Wutgeschrei. Wichtig ist dann das gemeinsame Finden einer Lösung oder Alternative.

Oft wird ja gefragt, ob das unerzogene Kind auch einfach auf die Straße laufen darf. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass ein Kind, welchem von Anfang an auf Augenhöhe begegnet wird und über die Gefahren im Straßenverkehr aufgeklärt ist, nicht einfach auf die Straße laufen wird. Wenn doch wird es natürlich – um es zu schützen, wie man auch jeden anderen Menschen in einer solchen Situation schützen würde – festgehalten.

Abschließend möchte ich allerdings noch ergänzen, dass ich unser familiäres Zusammenleben ungerne an Hand einer Begrifflichkeit festmachen möchte. Zwar passen die Grundsätze von “Unerzogen” sehr gut zu uns, doch führen wir unser Leben in erster Linie so, wie es uns gefällt und gut tut!

Welche Erfahrungen habt Ihr mit “Unerzogen” gemacht?