Segen und Fluch der neuen Medien

Kinder ab wann tablet, YouTube

Das Zeitalter der Digitalisierung macht es möglich: man kann immer und überall und zu jeder Zeit erreichbar sein. Man kann selbst in der Badewanne im Internet nach Informationen suchen, es braucht nicht mal mehr einen PC dazu, ein Smartphone ist dafür völlig ausreichend.

Shopping ist damit rund um die Uhr möglich, sogar Lebensmittel kann man über´s Internet bestellen und sich nach Hause liefern lassen, man muss dafür nicht einmal mehr sein Haus verlassen. Inzwischen bieten sogar schon einige Fastfoodketten in manchen Städten einen Lieferservice an.

Klingt soweit ja erst mal gut und ist gerade z.B. bei Krankheit eine tolle Option. Aber im Alltag finde ICH es viel schöner, mir die Lebensmittel, die ich kaufen möchte, erst mal anzuschauen, zu riechen und manchmal auch zu probieren.

Ebenso die Handys. Immer und überall erreichbar. Geil. Nicht.

Aber was bringt uns die 24/7 Erreichbarkeit? Ist das wirklich erstrebenswert?

Wo bleibt Zeit zum Durchatmen, zum Ausspannen, zum Genießen?

Bei uns in der Firma treibt es teilweise schon solche seltsamen Blüten, dass die Kunden beleidigt sind, wenn wir nicht gleich am Sonntag Nachmittag, 3 Minuten nach einer e-Mail Anfrage auf diese Mail antworten. Da sollen Sonntag früh um 9:30 Uhr doch bitte Angebote erstellt und Reisekataloge verschickt werden. „Ach, Sie haben heute am Sonntag geschlossen? Warum gehen Sie dann ans Telefon?“ Danke auch. Ich habe daraus gelernt und bei einer mir unbekannten Nummer gehe ich nicht mehr ans Telefon, denn auch bei einem „Entschuldigung, ich kann Ihre Frage nicht beantworten, da ich nicht im Büro bin, Sie sind in der Rufumleitung gelandet. Bitte rufen Sie uns morgen zu den üblichen Geschäftszeiten an.“ reagieren einige mit Unverständnis.

Nun gut, das ist das Geschäftsleben und ganz speziell die Dienstleistungsbranche.

Aber wie ist es privat?

In Zeiten von Whats App kann man sogar den letzten Onlinestatus einer Person feststellen. Böse!

Irgendwie fühle ich mich überwacht. Da meine Freunde aber wissen, dass ich oftmals keine Zeit zum direkt Antworten habe, muss ich mir da keine Gedanken drum machen. Allerdings lasse ich mich auch nicht verrückt machen oder mir ein schlechtes Gewissen einreden, warum ich nicht innerhalb von 0,2 Sekunden antworte.

Schlimmer ist es, wenn die Oma zu Hause anruft und wir nicht da sind. Dann wird sofort auf dem Handy angerufen, erst bei mir, dann bei meinem Mann und wenn wir da nicht dran gehen, bei meinen Eltern, ob denn etwas passiert sei. Das ist manchmal wirklich anstrengend, aber ich kann ihr nicht mal böse sein, denn sie macht sich einfach Sorgen um uns.

Was ich aber derzeit in den neuen Medien wirklich schlimm finde, sind die sozialen Netzwerke.

Ich bin aktuell extrem Facebook-müde, auch wenn wir unter Anderem auf dieser Plattform genau diesen Artikel veröffentlichen.

Aber was dort zum Teil geschrieben wird, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Offenbar halten Viele FB für einen rechtsfreien Raum, anders lässt es sich nicht erklären, warum dort soviel geistiger Dünnschiss zu lesen ist. Dort wird gehetzt und die Wahrheiten verdreht, der Aluhut wird aufgesetzt und jeder darf ungeprüft und zum größten Teil noch ungestraft sein Geschwurbel an den Mann bringen.Wehe, man vertritt eine andere Meinung! Selbst subtile Morddrohungen sind da teilweise zu lesen, Aufrufe zur Gewalt und Verherrlichung von Kriegen. Und das mitunter von Menschen, die EIGENTLICH einen IQ jenseits der 90 haben. Ich versteh´s nicht.

Am schlimmsten ist es, zumindest meiner subjektiven Wahrnehmung nach, in Mamaforen.

Holla die Waldfee! Da fragt man sich, ob die Evolution doch im Urwald stehen geblieben ist. Nix Schlimmeres als Mütter, sag ich da nur! Selbst in bedürfnisorientierten Gruppen ziehen die Mamas übereinander her, anstatt sich zu helfen. Und wehe, man stellt eine Impffrage oder gibt zu, dass man nicht stillen möchte. Fegefeuer! Mindestens! Und 3.000 Antworten. Immer.

Da wird bei wildfremden Menschen über den Mann, die Schwiegermutter, die Freundin abgelästert und um Rat gefragt. „Soll ich mich trennen oder nicht, mein Mann hat einen Porno geschaut“

Ja. Hm. 10.000 wildfremde Menschen geben ihren Senf dazu ab, und die Fragestellerin handelt nach den Ratschlägen von Menschen, die sich noch nie zuvor gesehen hat. Ganz großes Kino! Mein Mann würde sich bedanken. Förderlich für den Fortbestand der Ehe ist das sicher nicht. Soll aber nicht mein Problem sein.

In letzter Zeit konnte ich gerade in den Mama-Gruppen einen ganz neuen „Trend“ ausmachen:

Sich über alles und jeden beschweren, immer nur das Negative sehen und wenn es nicht dem eigenen Weltbild entspricht, ist es sowieso falsch und unzumutbar und überhaupt. Da wird über das System geschimpft, Kindergarten und Schule in Frage gestellt und jetzt zu Ostern wurde sich sogar darüber beschwert, dass es zu viel Schokolade gab. Weil Mama nämlich keine Schoki möchte, haben die Kinder bitte auch keine zu bekommen. Aha.

Es wird gemeckert und gemotzt, anstatt dankbar darüber zu sein, etwas zu bekommen, es Wert zu schätzen, dass sich ein anderer überhaupt die Mühe gemacht hat, auch wenn es nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Ich meine, eine klare Kommunikation VORHER kann ja auch helfen, aber das ist natürlich viel anstrengender, als sich im Netz darüber auszulassen.

Versteht mich nicht falsch, manchmal tut es gut, sich auszukotzen, auch in Foren, aber es geht manchmal einfach zu weit und treibt seltsame Blüten.

Ich finde es gelinde gesagt zu erbrechen. Ein bißchen mehr Toleranz, ein bißchen mehr Dankbarkeit und ein bißchen mehr Besinnung auf das Wesentliche wären sehr wünschenswert. Achtsamkeit und Respekt sowieso.

Respekt ist übrigens auch eine Eigenschaft, die man im Netz oft vermisst.

Ich frage mich, ob die Menschen von Angesicht zu Angesicht auch so respektlos sind? Oder ist es der Deckmantel der vermeintlichen Anonymität im Netz?

Selbst die Informationsbeschaffung im Internet macht teilweise keinen Spaß mehr. Googlet mal „Kopfschmerzen“, überspitzt gesagt bekommt ihr beim 3. Treffer die Diagnose „Hirntumor“.

Leider kann inzwischen jeder seinen Mist ungeprüft veröffentlichen und nachdenken ist anscheinend auch nicht mehr so angesagt, denn da werden Falschmeldungen und Falschinfos verbreitet und geglaubt. Und natürlich auch angezweifelt, da können die Informationen noch so wahr sein, wenn es nicht in die eigene kleine Welt passt, wird sogar an der Physik gezweifelt.

Vielleicht bin ich einfach zu alt, ich weiß es nicht. Ich wurde groß in einer Zeit, da gab es noch Modems und man zahlte pro Minute im Internet wenn man keine Flatrate hatte. Smartphone? Was ist das? Mein erstes Handy hatte ich mit 23, ein Nokia, auf dem man Telefonieren und SMS mit Zeichenbegrenzung schreiben konnte. DAS waren Zeiten, sag ich euch! Nix mit ständiger Erreichbarkeit und smartsurfen. Und wisst ihr was? Wir haben damals sogar noch miteinander geredet!

Wie steht ihr zu dem Thema neue Medien?

Eure Nadine